Managest du noch oder führst du schon? – Eine Urlaubsimpression

Im Bregenzerwald habe ich gesehen, was Führung ist. Und was Management ist. Die Erkenntnis, nein, eher die Bestätigung einer Erkenntnis, die ich schon hatte, lag, nein, lief vor mir auf der Straße.

Mehrfach war ich während des Urlaubs nämlich Zeuge eines Almabtriebs: Die Kühe werden im Herbst von den Almen, wo sie den Sommer über auf der Weide waren, zurück ins Tal gebracht.

Almabtrieb heißt das – doch ich hätte es eher Almabzug genannt. Für mich schien nämlich der Zug dabei stärker oder zumindest an erster Stelle zu stehen, denn das Treiben, d.h. der Druck.

Leider hatte ich bei diesen Situationen nie die Kamera zur Hand oder befand mich nicht an idealer Aufnahmeposition. Erst am letzten Tag habe ich dann doch noch ein paar Bilder von diesen Vorbeizügen machen können. Auch die sind leider nicht sonderlich gut geraten, doch das, was mir immer wieder aufgefallen war, ist darauf durchaus zu erkennen, denke ich.

Vorweg: Führung

Zunächst ist mir bei diesen Gruppen von Tieren (und auch schon bei anderer Gelegenheit z.B. mit Pferden) aufgefallen, dass sie sich bewegen, weil sie jemandem folgen:

Diese Person an der Spitze „macht ihr Ding“, sie geht in angemessenem Schritt dorthin, wohin sie die Tiere haben will. Diese Person führt den Zug an, sie zieht die Tiere mit sich – und das ganz ohne Gewaltanwendung. Das nenne ich Führung.

Führung kennt das Ziel, Führung gibt eine Richtung vor, Führung bildet die Spitze einer Bewegung, Führung übt Zug aus.

Indem Führung vorweg geht, schafft sie Klarheit und stiftet Kohäsion. Sie produziert einen Sog, der die Gefolgschaft anzieht.

Im Bild sind zwei Gruppen von Kühen zu sehen, jeweils mit einem Anführer. Der schreitet frisch aus, er hat ein Ziel. Damit gibt er den Kühen ein Vorbild, dem sie folgen können. Körperlich drückt er aus: Dorthin will ich mit euch. Er ist sich nicht zu schade, mit-, sogar voranzugehen. Das macht geradezu seine Führungskraft aus.

Erklärungen und lange Reden sind hier offensichtlich auch wenig hilfreich. Führung ist wesentlich nonverbal. Sie richtet sich nicht an den Intellekt, sondern an das Herz – oder allgemeiner: die Bedürfnisse. Da wären z.B. zu nennen: das Bedürfnis nach Klarheit oder physischer (bzw. psychischer) Unversehrtheit. In Führung steckt mithin auch Fürsorge.

Hinterher: Management

Führungskraft ist unterschiedlich verteilt unter den Menschen wie jede andere Kraft oder Fähigkeit. Und eine gegebene Führungskraft wirkt unterschiedlich auf die Gefolgschaft je nach deren Befindlichkeit.

In Zeiten, da so viele Ziele erreicht werden sollen, ist es deshalb nicht verwunderlich, dass nicht auf jedes hin eine starke Führungskraft wirkt. Gute Führung ist eine Seltenheit – umso mehr, je unklarer ist, was Führung ist und was nicht.

Nicht jeder, der ein Ziel erreichen will, hat also die dafür nötige Kraft zum Aufbau eines Sogs, mit dem er eine Gefolgschaft stark und dauerhaft genug hinter sich scharen und mitziehen kann. Nicht jeder, der ein Ziel mit schwacher Führungskraft erreichen will, nimmt es dann auf sich, diese Kraft erst auf die eine oder andere Weise zu entwickeln.

So ist es kein Wunder, dass sich viele Ziele nicht so leicht erreichen lassen, wie es sich ein Führer wünscht. Was tun?

Ein probates Mittel in diesen Fällen ist dann, ein unterstützendes Organ einzusetzen: das Management.

Beim Almabtrieb ist das Management sehr deutlich zu erkennen:

Die Manager der Gruppen von Kühen laufen neben und vor allem hinter ihnen – und sie tragen Stöcke, mit denen sie Kühe antreiben bzw. wieder „auf Linie bringen“.

Wo der Zug der Führung zu schwach ist, hilft Management mit Druck nach.

Die Aufgabe des Management ist es, die Herde, sorry, die Untergebenen, sorry, die Mitarbeiter auf dem Weg des Gehorsams zu halten.

Die Mittel dazu sind vielfältig. Bei der Prozession der Kühe ist es ein Stock oder die erhobene Stimme oder persönliche Präsenz in Drohgebärde. Im Unternehmen ist der Stock abgeschafft, aber Stimme und Drohgebärde sind noch in Gebrauch. Zur „Peitsche“ kommt allerdings auch noch das „Zuckerbrot“. Ein Mittel, das beim Umgang mit Tieren nicht unbekannt ist und gern „Leckerli“ genannt wird. Hunde und Pferde springen darauf gut an.

Im Unternehmen entspricht dem ein Bonus, ein Tischkicker, ein Homeoffice für besondere Verdienste und vieles mehr. Feel Good Manager sind heutzutage dafür abhängig beschäftigt, in dieser Hinsicht kreativ zu werden.

Dass es sich bei „Zuckerbrot und Peitsche“ um Managementinstrumente handelt, ist auch leicht daran abzulesen, dass sie mit dem Inhalt dessen, was erreicht werden soll, nichts zu tun haben.

Führung zieht Gefolgschaft an durch Beispiel und Ziel und Fürsorge: das alles ist die Sache, um die es geht. Management hingegen braucht überhaupt Mittel, um an oder zurück zu treiben.

Nichts Neues unter der Sonne

Was man nicht alles im Urlaub erleben kann! Reisen bildet, das wurde mir einmal mehr klar. Quasi Bildungsurlaub – nur leider dieses Mal nicht steuerlich absetzbar.

Es war erhellend zu sehen, wie sich in der jahrhundertealten Praxis des Almabtriebs in nuce wesentliche Rollen moderner Unternehmen darstellen: Führung und Management ganz praktisch.

Für mich war hier allerdings auch deutlich sichtbar, dass die eine Rolle vornehmer ist als die andere. Wo Führung so kraftvoll ist, dass die Tiere ihr mühelos und ganz natürlich folgen, wohnt einer solchen Prozession eine beeindruckende Eleganz inne. Wer wollte nicht solch ein (An)Führer sein, statt sich im Management abzuplagen?

 

PS: In meiner Beschreibung wird Führung durch eine einzelne Person verkörpert. Das ist allerdings nur zufällig so wegen der Situation Almabtrieb. Führung ist eine Funktion in Organisationen. Sie kann und wird natürlicherweise von Einzelnen ausgeübt, ist daran jedoch nicht gebunden. Auch Gruppen können führen; Gemeinschaften können sich sogar selbst führen. Es bilden sich dann allerdings sehr wahrscheinlich Organe aus (Untergruppen), die für gewisse Aspekte von Führung besonders zuständig sind, z.B. Richtungsgebung (Strategie), Zusammenhalt und Klarheit (Normen), Fürsorge.

Bildquelle Titelbild: pixabay

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