Höchstleistung als Führungskraft vorleben

Er ist nicht tot zu kriegen: der Wunsch nach Höchstleistung. Softwareentwicklung soll mehr leisten, noch mehr leisten und schließlich Höchstes leisten.

Wer denkt sich so etwas aus? Wer kann das in aller Ernsthaftigkeit wünschen? Höchstleistung ist nichts für den Alltag. Sie kann nicht permanent erbracht werden.

Aber egal. Solche Überlegung scheint nicht anzukommen.

Also nehme ich die Höchstleistung mal ernst. Das bedeutet für mich: Es sollte von dem, der sich permanente Höchstleistung von anderen wünscht, zu erwarten sein, dass er selbst ebenfalls permanente Höchstleistung erbringt.

Was ist Höchstleistung?

Wie würde das aussehen für eine Führungskraft? Was ist eine Höchstleistung? 10 Stunden, statt 8 im Büro zu verbringen, oder gar 12, 14, 16, ist das eine Höchstleistung? Vielleicht ist das der Fall in Bezug auf die Metrik „Anzahl Stunden im Büro pro Tag“. Nur ist diese Metrik nichtssagend. Durch die Zahl der Stunden im Büro (oder in Meetings), die eine Führungskraft dort verbringt, ist noch kein Kunde glücklich gemacht worden (oder sonst irgendein Shareholder). Arbeitssucht (oder besser: Anwesenheitssucht) macht nur kaputt.

Was also ist dann eine Höchstleistung, die Führungskräfte erbringen könnten? Permanent! Hm…

Taugt eine Metrik wie „Monatsumsatz“ oder „Zahl der Supportfälle pro Monat“? Der erste Wert soll im nächsten Monat höher liegen als in diesem, der zweite niedriger. Außerdem sollte der neue Wert nicht nur einem Zielwert entsprechen, sondern den Zielwert deutlich übertreffen. Zielwerte erreichen kann jeder. Aber weit darüber hinaus gehen… das wäre eine Höchstleistung, oder?

Aber, ach, ich sehe nicht dass diese Metriken relevant sind, um die Leistung einer Führungskraft darzustellen. Denn die Führungskraft selbst leistet ja nicht. Weder verkauft sie, noch stellt sie selbst eine Produktqualität her. Das tun die, die von ihr geführt werden.

Selbst wenn die Führungskraft Einfluss darauf hat, wie ihre Mitarbeiter verkaufen und Qualität herstellen, so ist ihre eigene Leistung nicht einfach die Summe der Leistungen der Geführten. Eine Führungskraft muss im Zweifelsfall nichts tun, als ihre neuen Ziele auf ihre Mitarbeiter zu verteilen – und die machen dann schon. Das hört sich für mich nicht anstrengend an. Anstrengung jedoch gehört zum Wesen von Höchstleistung.

Höchstleistung ist eine Forderung. Eine erhebliche Forderung sogar. Das muss die Führungskraft, die sich Höchstleistung von anderen wünscht, am eigenen Leib erfahren. Sie muss sich selbst beständig übertreffen. Sie muss an ihre eigene Grenze gehen und schon glauben, es nicht zu schaffen. Alles andere ist für „Saunauntensitzer“ und „Turnbeutelvergesser“.

Eine Höchstleistungsdisziplin für Führungskräfte

Hm… was könnte das sein, was eine Führungskraft an ihre Grenzen führt? Es muss messbar sein und es muss ihr selbst zugerechnet werden können.

Mein Vorschlag: Zuverlässigkeit!

Ja, wie wäre das: Eine Führungskraft, die sich Höchstleistungen von anderen wünscht, verspricht selbst, eine Höchstleistung in Sachen persönlicher Zuverlässigkeit zu erbringen. Das bedeutet, sie wird nicht mehr und nicht weniger als alle ihre Versprechen einhalten. Egal, ob diese Versprechen gegenüber ihren Mitarbeitern oder Kunden oder Lieferanten oder Führungskräften über ihr abgegeben werden, sie werden alle, alle gehalten.

Das (!) wäre für mich eine echte Höchstleistung. Denn Zuverlässigkeit scheint mir derzeit eine Disziplin, in der gerade Führungskräfte oft nicht mal das Sportabzeichen in Bronze schaffen.

Klar, ich höre sie schon rufen, „Wie soll das gehen, 100%ige Zuverlässigkeit?“ Doch das ist gut so. Ohne ein wenig Verzweiflung ist die Challenge nicht groß genug für eine Höchstleistung. Höchstleistung bedeutet Anstrengung.

Aber ich will einen Hinweis geben: Die Höchstleistung kann erreicht werden, wenn man mehr Versprechen als bisher abgibt. Allerdings sind das andere Versprechen als bisher. Außerdem hilft es, mehr mit den Mitarbeitern zu reden und ihnen zuzuhören.

Taugt Zuverlässigkeit als Höchstleistungsdiziplin?

  • Zuverlässigkeit ist messbar. Man muss nur die Zusagen einer Führungskraft protokollieren und am Ende dazu schreiben, ob sie eingehalten wurden. Wann immer jemand sagt „Das schaffen wir bis dann und dann“ oder „Ich melde mich morgen Nachmittag“ oder „Wir brauchen dafür nicht mehr als so und so viel Budget“ usw., dann ist das ein Versprechen. Mal größer, mal kleiner. Egal. Jedes Versprechen zählt für die Höchstleistung 100%ige Zuverlässigkeit.
  • Zuverlässigkeit ist zurechenbar. Eine Führungskraft hat es unter Kontrolle, welche Versprechen sie abgibt. Anders wäre nicht zu rechtfertigen, dass sie Boni einstreicht bei Erreichen irgendwelcher Ziele, für die sich ihre Mitarbeiter angestrengt haben. Wenn also eine Führungskraft sagt, „Das schaffen wir bis dann und dann“, hat sie niemand dazu gezwungen. Sie kann auch nicht darauf verweisen, dass der Termin durch ihre Mitarbeiter „errechnet“ wurde. Denn wenn sie sichergehen will, steht es ihr frei, einen späteren Termin zu nennen (oder einen früheren, wie es oft getan wird). Alle Versprechen einer Führungskraft sind selbstverantwortet, also ihre eigene „Leistung“.

Aber lohnt sich die Anstrengung in punkto Zuverlässigkeit? Ist eine Höchstleistung sinnvoll?

Ab-so-lut!

Eine Höchstleistung in Sachen Zuverlässigkeit ist sehr wünschenswert. Denn Zuverlässigkeit ist die Basis aller Zusammenarbeit. Außerdem ist sie das Fundament des Beziehung zum Kunden, sei der extern oder intern. Denn Zuverlässigkeit erzeugt Vertrauen. Und Vertrauen hilft, Komplexität zu reduzieren. Und reduzierte Komplexität erhöht die Vorhersehbarkeit von Entwicklungen und ist ganz allgemein kostengünstiger. Zuverlässigkeit verringert auch die Zahl von Konflikten. So wird Verschwendung vermieden.

Das scheinen mir genügend Gründe, eine Zuverlässigkeitshöchstleistung zu erbringen. Und damit kann eine Führungskraft, die sich welche Höchstleistung auch immer von ihren Mitarbeitern wünscht, gleich heute beginnen.

***

If we could change ourselves, the tendencies in the world would also change.
Mahatma Gandhi

Oder verkürzt: Be the change you want to see in the world.

Wenn der Wunsch nach Höchstleistungen durch andere dazu führen würde, dass die Wünschenden zuerst an sich selbst arbeiten… dann wäre der irrsinnige Wunsch vielleicht doch noch zu etwas Nütze.

Mit der Zuverlässigkeit sehe ich da eine Disziplin, bei der jede Bemühung zu größerer Leistung, allen Beteiligten viel bringt. Deshalb: Wo die Höchstleistung als Forderung im Raum steht, solltest du die Frage nachlegen, wie es als „Vorbildleistung“ der Führungskraft mit dem Versprechen von 100%iger Zuverlässigkeit steht. Die kann jeder aus dem Stand erbringen – wenn er es denn nur will und ernst meint.

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