Der Prä-/Trans-Trugschluss

Die Entwicklung von Können und Bewusstsein durchläuft Phasen. Ein inzwischen recht bekanntest solches Phasenmodell ist Shuhari. Oder auch die Ausbildungsstufen Lehrling, Geselle, Meister spiegeln das wider.

Wenig bekannt hingegen ist der Prä-/Trans-Trugschluss von Ken Wilber (engl. pre/trans fallacy). Auf den komme ich jedoch immer wieder, wenn ich mir Diskussionen im Web und anderswo anschaue oder auch mich selbst beobachte. Der Prä-/Trans-Trugschluss lauert überall.

Ken Wilber hat dieses Modell im Rahmen seiner Arbeit über Spiritualität entwickelt. Doch für mich ist es universell anwendbar. In diese Denkfalle tappen wir alle immer wieder genauso wie in die des Bestätigungsfehlers oder der Swimmer’s Body Illusion.

Phasenweise Entwicklung

Hinter dem Prä-/Trans-Trugschluss stehen drei Phasen:

  • Die prä-konventionelle Phase
  • Konventionsphase
  • Die trans-konventionelle Phase

Einem Trugschluss leistet nun Vorschub, dass Verhalten in der prä-konventionellen Phase genauso aussehen kann wie in der trans-konventionellen. Wenn es ein Entwicklungsziel gibt, ein angestrebtes Sein, das sich nach außen hin (scheinbar) in Verhalten manifestiert, kann es zu Verwechslungen der Phasen kommen.

Das lässt sich nicht nur auf ein Entwicklungsziel wie Erleuchtung anwenden, sondern auch auf viel Profaneres wie Erwachsenheit oder Agilität.

Vorsicht: Verwechslungsgefahr!

Ein plakatives Beispiel: Die Ampel ist rot. Sie fragen einen Passanten “Darf man bei Rot über die Straße gehen?”

  • Der erste Passant antwortet “Wieso nicht? Ich lass mir doch nicht vorschreiben, wann ich über die Straße gehen darf!”
  • Der zweite Passant: “Auf keinen Fall! Das ist gefährlich, das behindert u.U. den Verkehrsfluss und das ist ein schlechtes Beispiel für Kinder.”
  • Der dritte Passant: “Die Ampel ist ein nützliches Mittel, um den Fluss der Autos und Fußgänger zu regeln und gerade in hektischen Situationen die Sicherheit zu erhöhen. Sie hilft mir in unübersichtlichem Verkehr. Bei sehr wenig Verkehr ist sie jedoch überflüssig.”

Das Verhalten des ersten und dritten Passanten wären an einer Ampel also durchaus gleich: Trotz Rot würden sie die Straße überqueren. Allerdings aus ganz unterschiedlichen Gründen.

In Bezug auf das Entwicklungsziel Erwachsenheit läge hier wahrscheinlich ein Prä-/Trans-Trugschluss vor. Der erste Passant hielte sich für erwachsen (Trans-Phase), obwohl er noch in der Prä-Phase steckt.

Oder ein Beispiel aus der Softwareentwicklung. “Sollte man dynamic typing und reflection einsetzen?”

  • Der erste Entwickler antwortet: “Wieso nicht? Ein strenge Typisierung ist eine Einschränkung!”
  • Der zweite: “Auf keinen Fall! Damit wird Laufzeitfehlern Tür und Tor geöffnet.”
  • Der dritte: “Strenge Typisierung bewahrt mich in vielen Fällen ohne viel Aufwand vor Fehlern. In manchen Situationen jedoch ist mehr Flexibilität nützlich.”

Ach, und nochmal Softwareentwicklung. “Soll man Softwareentwicklung planen?”

  • “Wie kann ich einen Plan machen, wenn der Kunde jeden Tag was anderes will?!”
  • “Natürlich muss man planen! Nicht zu viel, aber mindestens für Iterationen von 1 Woche muss man festlegen, was man schaffen will.”
  • “Zu planen kann eine nützliche Sache sein, um die Klarheit zu erhöhen und sich zu fokussieren. Einen Plan zu befolgen, kann die Produktivität erhöhen. Seine Tiefe hängt jedoch von der Ungewissheit der Anforderungen ab. Je höher die ist, desto häufiger sollte es Wendepunkte geben, an denen der Kurs gewechselt werden kann. Gefolgstreue zu einem Plan ist kein Selbstzweck.”

Das Muster

Sehen die das Muster?

  • Ausrufezeichen!
  • Ausrufezeichen!
  • Punkt.

In der Prä-Phase wie in der Konventionsphase wird mit einem Ausrufezeichen geantwortet. Dort ist die Überzeugung ganz gewiss. Eine fixe, klar umrissene Überzeugung zu haben, ist wichtig. Sie wird als identitätsstiftend empfunden.

In der Trans-Phase hingegen kann sich die Antwortende mit einem Punkt begnügen. Sie muss nichts mehr beweisen, sie muss sich nicht zwanghaft verorten. Dort sind die Konventionen transzendiert. Das bedeutet allerdings nicht, dass man nicht tut, was Menschen tun, die sich an Konventionen halten. Nur der Grund ist dann ein anderer. Jenseits der Konventionen tut man das konventionelle nicht mehr der Konvention wegen. Die Konvention ist dann nicht mehr Zweck, sonder “nur” ein in der Vergangenheit nützliches Mittel gewesen, um die Trans-Phase zu erreichen.

Die dazu passende (überspitzte) Grundhaltung in den Phasen:

  • Respektlosigkeit
  • Verehrung
  • Respekt

Und so ist wohl auch das ganze Leben eine Entwicklung von Prä über Konventionen zu Trans: respektlose Jugend in Widerspruch zum System, hart arbeitende, systemkonforme Erwachsene, weise Alte jenseits des Systems. Oder so ähnlich 😉

Kausalitätsverkennung

Korrespondierend zu den Phasen gibt es daher für mich musterhafte Selbstaussagen. Die lauten mit Blick auf einen in Frage stehenden Entwicklungspunkt:

  • Ich bin doch schon so, weil ich mich so verhalte!
  • Ich muss mich ganz gewissenhaft so verhalten, damit ich so werde!
  • Ich verhalte mich, weil ich so bin.

Hier wird die Verkehrung der Kausalität deutlich: Prä leitet aus einem Verhalten ein Sein ab, während bei Trans das Sein zum Verhalten führt.

Nochmal plakativ: Ist man erleuchtet, weil man den halben Tag meditiert und den anderen halben Tag die Armen speist? Oder ergibt es sich irgendwie natürlich (oder zufällig), dass man, wenn man erleuchtet ist, den halben Tag meditieren mag und den anderen halben Tag gern die Armen speist?

Die Natur macht keine Sprünge

Und wie kommt man von Prä nach Trans? Reicht es schon, um die Phasen zu wissen? Gefahr erkannt, Gefahr gebannt?

Um dem Trugschluss zu entgehen, d.h. sich nicht falsch einzuschätzen, ist die Kenntnis des Denkfehlers sicherlich hilfreich. Doch um “es richtig zu machen”, kann man deshalb nicht von Prä nach Trans springen. Niemand wird die Entwicklung, d.h. die schrittweise Veränderungen von Prä über Konventionen zu Trans erspart.

Auf dem Weg “zur Weisheit” muss jeder zwangsläufig einige Zeit in der konventionellen Phase verbringen. Die ist geprägt durch Regeln, durch strenge Glaubenssätze, durch “so tut man es”, eben durch Konventionen. Und der strengste Glaubenssatz lautet: Es gibt einen Weg, “es” richtig zu tun. Was immer “es” auch sein mag: Erwachsen sein, erleuchtet sein, gute Eltern zu sein, agil zu entwickeln, Clean Code zu schreiben, Sport zu treiben, sich zu ernähren usw. usf.

Wenn die Karikatur eines Prä-Phaslers der Pubertierende ist, dann ist die Karikatur des Konventionellen der Spießer.

Der Prä-Phasler kann sich nicht vorstellen, etwas anderes machen zu müssen. Er ist doch schon “richtig”. Was andere tun verdient daher wenig Respekt.

Der Konventionelle kann sich nicht vorstellen, etwas anders machen zu müssen. Er muss die Konventionen höchstens noch besser einhalten. Dann wird er richtig werden bzw. bleiben. Deshalb klammert er sich auch an Namen und Begriffe, die für “das Richtige” stehen (Verehrung)

Klingt nicht so schön – ist aber unvermeidbar. Zumindest grundsätzlich, glaube ich. Im konkreten Fall können die Phasen natürlich unterschiedlich lange und unterschiedlich schwerwiegend ausfallen. Nicht jeder Jugendliche lässt sich piercen und nicht jeder Volljährige strebt Haus&Gartenzwerg an 😉

Aber auch nicht jeder Senior wird weise.

So wie Entwicklung nur durch alle Phasen verlaufen kann, gibt es keine Garantie, überhaupt weiterzukommen. Nicht jeder Prä-Phasler wird zum Konventionellen. Und schon gar nicht tritt jeder Konventionelle in die Trans-Phase ein.

***

Und was sind Sie? 🙂 Prä, Konventioneller oder schon Trans?

In Bezug auf was? Denn diese Phasen gelten ja für jedes Sein, für jedes Entwicklungsziel, das wir anstreben. In allem stecken wir in irgendeiner dieser Phasen, glaube ich. Das geht gar nicht anders.

Wenn wir ehrlich an Entwicklung interessiert sind, dann ist es jedoch hilfreich, scheint mir, sich der Verwechslungsgefahr bewusst zu sein. Der Prä-/Trans-Trugschluss lädt uns zum Hinterfragen ein. Bin ich noch Prä und sollte ich mal an ein paar Konventionen versuchen, damit “es” noch besser wird? Oder bin ich noch konventionell und sollte mal ein paar meiner liebgewonnenen Konventionen hinterfragen und locker lassen, damit “es” noch besser wird? Oder bin ich schon Trans und kann mich ausruhen, denn wie könnte es besser werden?

Und damit schließlich sich der Kreis! Trans ist auch nur Prä – aber auch einem höheren Niveau. Es gibt kein ultimatives Ankommen. Es gibt nur ein Rad, das sich immer weiter dreht – wenn wir wollen.

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One Comment

  1. Ich habe mit meiner Trompete mal an einem Free Jazz Workshop teilgenommen. Das Abschlusskonzert war fürchterlich u. mir ganz schlimm peinlich. Irgendwann dämmerte es mir dann: Prä/Trans-Trugschluss! wir spielten ohne Konvention, aber ohne uns bewusst u. gekonnt darüber hinwegzusetzen, sondern einfach nur ohne

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