Agile Gesundheit – Nur Mut!

Wer an den Nutzen von Agilität glaubt, der beschränkt sich mit ihr nicht nur auf die Softwareentwicklung. Dann durchdringt sie vielmehr das ganze Leben. Einfach ist das aber nicht immer. Das habe ich heute gemerkt. Da stand ich vor der Frage, ob ich auch eine agile Gesundheit mutig anzugehen bereit bin.

Vor einiger Zeit war ich bei der Heilpraktikerin meines Vertrauens, Karen Rinn in Hamburg. Die hat z.B. meine Blutwerte gemessen und angesichts einiger Defizite einen Therapieplan ausgearbeitet. An den habe ich mich einige Wochen gehalten. Nun war ich wieder dort zur Besprechung des aktuellen Stands. Der hat sich verbessert. Es war also wohl ein guter Plan, dem ich da gefolgt bin 😉

Aber nun empfahl sie mir, ein Mittel M weiterhin einzunehmen. Einfach zur Vorsicht. Damit sich ein Wert W nicht wieder verschlechtere.

Da habe ich zuerst brav genickt – wer würde einer Autorität in Weiß widersprechen wollen? 😉 Doch dann begann ich, mich unwohl zu fühlen. Ab jetzt ein Mittel unbegrenzt weiter nehmen einfach zur Prophylaxe? Das würde eine Art von Abhängigkeit bedeuten. Das war kein gutes Gefühl. Schon mit der sich anschleichenden Brillennotwendigkeit beim Lesen habe ich ja so meine Probleme.

Vor allem aber Abhängigkeit bei unklarer Ursachenlage. Wenn’s nicht anders geht, naja, dann muss es halt auch mal ein saurer Apfel sein, in den man beißt. Doch geht es schon “nicht anders”? Ich habe nachgefragt: “Woran liegt es denn, dass mein Wert W in der Vergangenheit schlecht war?” Darauf erhielt ich eine Antwort mit mehreren möglichen Ursachen. “Ist es denn aber auch möglich, dass sich mein Wert in Zukunft im grünen Bereich hält, ohne dass ich M konstant einnehme?” Ja, auch das sei möglich – doch heutzutage… mit der Ernährung, die so viel weniger wichtige Stoffe enthielte… und mit einer möglichen erblichen Disposition… Es wäre besser, vorzubeugen.

Und da war es mir klar: Das passt nicht zu meinem agilen Lebensstil. So möchte ich nicht mit meiner Gesundheit umgehen. Denn am Ende ist Prophylaxe ja unersättlich so wie jedes Sicherheitsdenken. Mir fiel dazu der Mann ein, der klatschend ums Haus läuft. Gefragt, warum er das täte, sagt er, das Klatschen verscheuche die Elephanten. Aber da seien doch gar keine Elephanten. Genau, weil er ja klatsche.

Nein, so möchte ich nicht leben. Ich möchte mich nicht blind an eine Maßnahme hängen, ohne etwas näher Kausalzusammenhänge untersucht zu haben.

So war es schonmal beim Augenarzt. Der fand bei einer Routineuntersuchung, dass mein Sehnerv merkwürdig grenzwertig aussah durch womöglich chronisch zu hohen Augeninnendruck. Er hätte gleich gern eine Maßnahme zur Prophylaxe vorgeschlagen, doch ich habe gesagt, ich wolle das erstmal beobachten. Also haben wir im Abstand von einem Jahr mehrere Messungen gemacht – und siehe da, mein Sehnerv entwickelt sich nicht in die falsche Richtung. Der ist vielmehr von Geburt an etwas merkwürdig angelegt. Prophylaxe unnötig. Aber weitere Messungen in größeren Abständen finden natürlich statt.

Genau das habe ich dann Frau Rinn ebenfalls vorgeschlagen. Statt jetzt einfach per se lebenslang prohyplaktisch M einzunehmen, möchte ich lediglich eine etwas häufigere Messung von W. Wenn ihre Hypothese korrekt ist, dann wird sich W in den nächsten Monaten wieder verschlechtern, wenn ich M absetze. Wenn nicht, dann hat M vielleicht im Rahmen einer Therapie, die auch noch andere Maßnahmen enthielt, einen Beitrag geleistet, doch eine weitere Einnahme ist zunächst unnötig.

Auf einen Zeitraum von Monaten ist eine Bewegung von W erwartbar, aber keine solch starke, dass dadurch eine unmittelbare Gefahr eintreten würde. Warum sollte ich also nicht ein solches Experiment machen?

Dennoch war mir einen Moment mulmig. Diese volle Übernahme von Verantwortung im Widerspruch zu einem professionellen Ratschlag fühlte sich selbst für mich etwas ungewohnt an. Ja, ein wenig Mut musste ich mir zufächeln. Doch ich bleibe dabei: Das ist die richtige Entscheidung. Sie ist informed, sie ist verantwortungsvoll, sie ist agil: responding to change over following a plan ist das Motto.

Der Preis, den ich dafür zahle: eine Erhöhung der Beobachtungsfrequenz. Ich kann mich nicht in die Hängematte eines Plans, eines Schemas legen. Denn das wäre es gewesen, wenn ich einfach stur M geschluckt hätte.

Doch ich bekomme auch etwas dafür: weniger Zwang und mehr Klarheit. Es gibt die Chance, dass ich mich nicht von M abhängig machen muss. Dafür ist mir der erhöhte Beobachtungsaufwand – nächste Blutwertmessung in 6 Wochen – ein Preis, den ich gerne zahle.

Und auch Frau Rinn war ein wenig mulmig zumute. Mit einem Patienten, der experimentieren statt einfach folgen will, hat sie selten zu tun. Letztlich hatte sie aber auch kein Gegenargument. Ihr Blick war auf die Zeit in 10 oder 15 Jahren gerichtet. Dafür würde ich doch mit M etwas Gutes tun, wenn mein W im grünen Bereich bliebe. Dagegen habe ich ja aber auch nie etwas gesagt. Mir gehts um die Überprüfung der Annahme, dass der grüne Bereich nur mit M machbar sei. Das ist erstmal alles.

So hat sie sich denn meinem Willen gefügt 😉 Das war für mich wieder nicht ganz leicht zu sehen und ich habe innerlich einen Moment gewankt… doch mein Entschluss steht. Alles andere wäre nicht kongruent mit dem, was ich ansonsten vertrete. Ich möchte mich nicht so schnell an einen Plan heften. Das erzeugt Pseudosicherheit und hält das, was wirklich ist, eher im Dunkeln. Vor Überraschungen bewahrt mich letztlich ein Plan auch nicht.

Nun handle ich so, wie ich es jedem empfehlen würde in der Softwareentwicklung wie auch sonst im Leben: Wenn die Unsicherheit steigt, dann gehe langsamer. Beobachte häufiger, sieh genauer hin, werde flexibler. Sobald die Sicherheit wieder zunimmt, kann auch die Geschwindigkeit erhöht werden, die Beobachtungsfrequenz kann wieder sinken.

In meinem Kalender stehen inzwischen einige wiederkehrende Beobachtungspunkte für den Gesundheitscheck. Indem ich systematisch Messpunkte in mein Leben einziehe, bekomme ich objektive Werte, die ich zu Tendenzen verdichten kann. Ich versuche nicht, einmal etwas vorherzusagen, sondern passe mich regelmäßig an die Realität an.

So sehr ich ein Freund davon bin, aufs Gefühl zu hören, gibt es halt doch einige Entwicklungen, die ungünstig unterhalb des Gefühls ablaufen können. Ich muss also nicht auf ein massiv schlechtes Gefühl irgendwann warten, wenn ich ab und an proaktiv unter meine Haube schaue. Als physische Entität unterliege ich auch beim besten Willen zur steten Pflege Verschleiß. Da sind ein paar Wartungsintervalle eine kluge Maßnahme, denke ich. (Außerdem weiß ich, dass meine Pflege nicht in allen Bereichen tiptop ist. Schokolade ist einfach sehr, sehr lecker… 😉 )

 

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