Frisch zurück von der DNX 2016 Konferenz bin ich noch ganz beseelt von dem fetten Input, den wir dort bekommen haben. Schöne Geschichten, interessante Kontakte, coole Tools – einfach viel zum Nacheifern und Ausprobieren. War echt genial bei sonnigstem Mai-Wetter. Danke an Felicia & Marcus sowie Team, danke Berlin!

Über eines bin ich dann aber doch gestolpert in den Vorträgen und auch sonst schon in den Diskussionen der DNX Community bei Facebook bzw. „in der Literatur“: die Idee vom passiven Einkommen.

 

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Ein passives Einkommen scheint Ideal und Ziel zu sein für den angehenden digitalen Nomaden. Und an Vorschlägen, wie man es erreichen kann, mangelt es nicht, z.B.: schreibe ein Buch und lebe von den Tantiemen, handle mit Produkten via online Shop und kassiere eine hübsche Marge, biete Videokurse auf Udemy & Co an und lebe von bezahlten Views.

In jedem Fall gilt: Das Geld fließt ohne weiteres Zutun. Als digitaler Nomade sitzt du am Strand und kassierst. Fragt sich nur, ob du gleich noch Kitesurfen gehst oder lieber zur Massage 😉

Kitesurfen

Sorry, wenn ich das ein wenig überzeichne, aber so stellt es sich mir dar, was vielfach an Vorstellungen rumgeistert.

Passives Einkommen? Unrealistisch!

Leider finde ich diese Idee jedoch völlig unrealistisch.

Klar, es gibt passives Einkommen. Wer einen Haufen erbt und nur von den Zinsen leben kann, der hat ein passives Einkommen. Oder auch anders kann man es zu genügend Geld gebracht haben, so dass man ab einem gewissen Zeitpunkt nichts mehr dafür tun muss, wieder Geld zu beschaffen; es ist einfach in ausreichender Menge vorhanden. Vielleicht hat man einen guten Exit bei seinem Startup hinbekommen; vielleicht hat man einen Hit geschrieben oder einen Bestseller.

Jo, das funktioniert. Solche Menschen gibt es. Genauso wie es Lotto-Millionäre gibt.

Nur, ich glaube, die sind sooo selten, dass du und ich es uns gut überlegen sollten, ob wir Energie investieren, um zu einem passiven Einkommen zu kommen. Es ist schlicht so wenig wahrscheinlich, dass wir es hinkriegen.

Aber was ist mit dem Buch, dem Videokurs, dem online Handel?

Das sind coole Ideen – nur wird das Einkommen daraus nicht passiv sein.

Beispiel Buch: Um ein Buch zu schreiben, das sich echt krass verkauft, musst du einen erheblichen Aufwand treiben. Das schüttelt keiner so aus dem Handgelenk. Also bist du Monate, womöglich Jahre ordentlich am arbeiten. Nach Veröffentlichung kannst du irgendwann von den Einnahmen leben. Sehr schön. Nur wie lange? Wie lange verkauft sich ein Buch wirklich so gut, dass du nichts weiter tun musst? 1 Jahr, 2, 3, 5 Jahre? Solange du nicht 90 Jahre alt bist, ist diese Periode immer zu kurz, um dauerhaft passiv zu sein. Also musst du irgendwann ein neues Buch herausbringen mit ähnlichem Erfolg. Das bedeutet, du musst schon wieder arbeiten, nämlich in der Zeit, in der das erste Buch sich noch verkauft. Wo ist da das passive Einkommen? Ich würde nicht davon reden. Oder wenn, dann ist es nur von sehr kurzer Dauer.

Beispiel Videokurs: Hier gilt dasselbe wie beim Buch. Ein Kurs-Hit kann dich eine Zeit lang tragen, doch dann musst du was Neues auf der Pfanne haben von ähnlichem Potenzial. Die Hände in den Schoß zu legen auf der Sonnenliege am Strand, ist die Garantie, dass du gegen eine Einkommenswand fährst. Wenn du von Videokursen leben willst, brauchen die (mehr oder weniger) konstante Investition an Aktivität deinerseits.

Beispiel online Handel: Du stellst keine Produkte her, aber du musst das, was du handelst, recherchieren und managen. Ein paar Quellen in China auftun und dann nur durchwinken und Marge kassieren, funktioniert nicht. Zumindest nicht dauerhaft. Der Wettbewerb schläft nicht. Also sind konstante Aufmerksamkeit nötig, um für den Markt interessant zu bleiben. Von Passivität keine Spur.

Bonusbeispiel Bloggen: Blogs scheinen in der Szene dazu zu gehören. Kein Digitalnomade ohne Blog. Oder so ähnlich. Damit kann man nämlich auch Einkommen generieren. Nur mal Affiliate Marketing als Stichwort. Bestimmt hast du auch schon von Youtube-Millionären gehört, die durch simple Kosmetiktipps ein sattes Einkommen haben.

Klar, das funktioniert; nur ist Einkommen via Blog das Gegenteil von passivem Einkommen. Als Blogger musst du sogar höchst aktiv sein, damit du Einkommen generierst. Denn wenn du nicht ständig neuen Content produzierst, dann verliert dein Blog schnell an Wert.

Hör‘ auf zu arbeiten!

Passives Einkommen ist richtig, richtig krass schwer hinzukriegen. Das ist wie Star in Hollywood werden. Es gibt eine Menge Leute, die das versuchen und sich den Hintern aufreißen dafür, aber über Kellern und Minirollen nie hinauskommen. Nur von denen hört man nichts. Die allermeisten schaffen es nicht und sind daher keine Nachricht wert.

So sehe ich es auch beim passiven Einkommen. Die allermeisten schaffen es nicht. Die stehen auch nie auf einer Bühne, die schreiben kein Buch darüber. Also hören wir nichts von ihnen. Und selbst wenn wir von einem erfolgreichen Buchautor lesen, dass er mit seinem Buch ein hohes passives Einkommen erzielt… halte ich das am Ende für, hm, Schönfärberei. Denn, wie gesagt, abgesehen von seltenen all time classics haben Bücher eine viel kürzere Lebensdauer als die Zeit bis du kein Geld mehr brauchst.

Mir scheint es deshalb an der Zeit, ein anderen Ziel ins Auge zu fassen. Strebe nicht passives Einkommen, sondern das Ende der Arbeit an!

Ist das nicht paradox? Wer nicht arbeitet, hat doch kein Einkommen mehr, oder?

Hier eine Geschichte dazu: 1988 saß ich mit meinem damaligen Geschäftspartner in unserem untergemieteten Büro knapp ein Jahr nach Gründung unserer kleinen Branchensoftwarefirma. Die Luft war zum Schneiden. Der Vermieter nebenan paffte den ganzen Tag Zigarren – und unser Büro war fensterlos. Aber, hey, wir waren jung und enthusiastisch. Ein Startup (auch wenn es damals diesen Begriff noch nicht gab). Deshalb hatten wir die verwegene Idee: mit 45 Jahren wollen wir nicht mehr arbeiten müssen. Wir träumten vom großen Geschäftserfolg, der uns ein passives Einkommen bescheren würde. Bis dahin waren es noch 20 Jahre, doch das schien überschaubar.

Fast forward ins Jahr 2008. Ich wurde 45. Hatte ich jedoch das damalige Ziel erreicht?

Seitdem hatte sich mein Lebens- und Arbeitsweg einige Male gewendet. Wer hätte das gedacht? Auch hatte ich kein passives Einkommen. Wer hätte das gedacht? Insofern: Nein, der Traum des 25jährigen war nicht in Erfüllung gegangen.

Einerseits.

Denn andererseits: Ich musste nicht mehr arbeiten. Schon länger nicht mehr. Auch heute nicht mehr.

Mein Traum war doch in Erfüllung gegangen – nur ganz anders, als ursprünglich gedacht.

Das ist nicht paradox, sondern eine Folge der Umdefinition dessen, was ich tue, um Einkommen zu generieren. Ich nenne das nicht mehr Arbeit. Es ist einfach mein Leben. Ein Eichhörnchen nennt Nüsse sammeln sicherlich auch nicht „Arbeit“. Es gehört zu seiner Natur.

So sehe ich das auch: Ich bin schlicht tätig. Ich tue eine Menge Dinge – und für manche bekomme ich Geld.

Bei diesem Tun empfinde ich keinen Druck. Ich leide nicht unter Stress. Womit ich mich beschäftige, macht mir Spaß. Ins Kino zu gehen, ist Fun, diesen Blogartikel zu schreiben auch, einen Workshop zu geben ebenfalls, ein neues Buch zu konzipieren sowieso, einen Vortrag zu halten auf jeden Fall usw. usf.

Klar, nicht in jeder Sekunde ist der Spaß maximal. So funktioniert Leben nicht. Doch insgesamt sehe ich keine Dichotomie: hier Leben, dort Arbeit.

Deshalb muss ich auch nicht andauernd auf die work-life-Balance achten. Jedenfalls nicht mehr als du vielleicht auf die Balance zwischen „Zeit mit deinen Liebsten“ und „Zeit für dein Hobby“. Balancieren gehört einfach zum Leben.

Tätig sein

Also, vergiss passives Einkommen. Sieh einfach zu, dass du nur Dinge machst, die dich erfüllen, die dir Freude bereiten… ja, und die dir auch genügend Einkommen bescheren, damit du damit weitermachen kannst.

Den Gedanken an eine Rente solltest du dir dabei auch gleich aus dem Kopf schlagen. Diese Form von verdientem passivem Einkommen im Alter ist nach meinem bescheidenen Verständnis eine historische Besonderheit der letzten 100 Jahre oder so gewesen. Es gab sie vorher nicht, es wird sie nicht in Zukunft geben.

Wenn du digitaler Nomade werden willst, lebe schlicht nachhaltig. Damit meine ich, lebe so, dass du es auf unabsehbare Zeit fortsetzen kannst. Du wirst nicht nur mit 28 oder 35 digitalnomadisch Geld verdienen wollen, sondern es wahrscheinlich auch noch mit 43, 57, 65, 72 und 84 tun müssen. Denn wenn du erstmal infiziert bist vom Diginomadentum oder zumindest von der Selbstständigkeit, dann bist du verbrannt für die abhängige Beschäftigung.

Über die Zeit wird sich deine Einkommenshöhe verändern, auch werden sich deine Einkommensquellen verschieben. Dass du jedoch auch noch im höheren und hohen Alter irgendwie aktiv Einkommen generieren wirst müssen, halte ich für sehr, sehr wahrscheinlich. Deshalb: Achte darauf, was du tust, wie du es tust. Du läufst keinen Sprint, keinen Marathon, sondern einen Ultramarathon durchs Leben.

Warum auch nicht? Was ist schlimm an der Vorstellung, mit 78 noch aktiv Einkommen zu verdienen? Welches verquere Bild sitzt uns im Nacken, wenn wir das gruselig finden und möglichst früh nach passivem Einkommen streben?

Historisch bisher einzigartig ist doch auch die Situation in der wir sind, dass wir so frei bestimmen können, womit und wie und wo wir tätig sind für unser Einkommen. Das, so finde ich, sollten wir nutzen, um endlich vom alten Arbeitsbild Abschied zu nehmen.

Schluss mit der Arbeit! Wir können auch ohne sie ein auskömmliches Einkommen haben. Ganz bewusst in Aktivität.

Das halte ich für eine realistischere Perspektive für dich und mich als Diginomaden. Darüber sollten wir auf der DNX 2017 auch mal sprechen.