Vergiss passives Einkommen

Frisch zurück von der DNX 2016 Konferenz bin ich noch ganz beseelt von dem fetten Input, den wir dort bekommen haben. Schöne Geschichten, interessante Kontakte, coole Tools – einfach viel zum Nacheifern und Ausprobieren. War echt genial bei sonnigstem Mai-Wetter. Danke an Felicia & Marcus sowie Team, danke Berlin!

Über eines bin ich dann aber doch gestolpert in den Vorträgen und auch sonst schon in den Diskussionen der DNX Community bei Facebook bzw. “in der Literatur”: die Idee vom passiven Einkommen.

 

Ein passives Einkommen scheint Ideal und Ziel zu sein für den angehenden digitalen Nomaden. Und an Vorschlägen, wie man es erreichen kann, mangelt es nicht, z.B.: schreibe ein Buch und lebe von den Tantiemen, handle mit Produkten via online Shop und kassiere eine hübsche Marge, biete Videokurse auf Udemy & Co an und lebe von bezahlten Views.

In jedem Fall gilt: Das Geld fließt ohne weiteres Zutun. Als digitaler Nomade sitzt du am Strand und kassierst. Fragt sich nur, ob du gleich noch Kitesurfen gehst oder lieber zur Massage 😉

Kitesurfen

Sorry, wenn ich das ein wenig überzeichne, aber so stellt es sich mir dar, was vielfach an Vorstellungen rumgeistert.

Passives Einkommen? Unrealistisch!

Leider finde ich diese Idee jedoch völlig unrealistisch.

Klar, es gibt passives Einkommen. Wer einen Haufen erbt und nur von den Zinsen leben kann, der hat ein passives Einkommen. Oder auch anders kann man es zu genügend Geld gebracht haben, so dass man ab einem gewissen Zeitpunkt nichts mehr dafür tun muss, wieder Geld zu beschaffen; es ist einfach in ausreichender Menge vorhanden. Vielleicht hat man einen guten Exit bei seinem Startup hinbekommen; vielleicht hat man einen Hit geschrieben oder einen Bestseller.

Jo, das funktioniert. Solche Menschen gibt es. Genauso wie es Lotto-Millionäre gibt.

Nur, ich glaube, die sind sooo selten, dass du und ich es uns gut überlegen sollten, ob wir Energie investieren, um zu einem passiven Einkommen zu kommen. Es ist schlicht so wenig wahrscheinlich, dass wir es hinkriegen.

Aber was ist mit dem Buch, dem Videokurs, dem online Handel?

Das sind coole Ideen – nur wird das Einkommen daraus nicht passiv sein.

Beispiel Buch: Um ein Buch zu schreiben, das sich echt krass verkauft, musst du einen erheblichen Aufwand treiben. Das schüttelt keiner so aus dem Handgelenk. Also bist du Monate, womöglich Jahre ordentlich am arbeiten. Nach Veröffentlichung kannst du irgendwann von den Einnahmen leben. Sehr schön. Nur wie lange? Wie lange verkauft sich ein Buch wirklich so gut, dass du nichts weiter tun musst? 1 Jahr, 2, 3, 5 Jahre? Solange du nicht 90 Jahre alt bist, ist diese Periode immer zu kurz, um dauerhaft passiv zu sein. Also musst du irgendwann ein neues Buch herausbringen mit ähnlichem Erfolg. Das bedeutet, du musst schon wieder arbeiten, nämlich in der Zeit, in der das erste Buch sich noch verkauft. Wo ist da das passive Einkommen? Ich würde nicht davon reden. Oder wenn, dann ist es nur von sehr kurzer Dauer.

Beispiel Videokurs: Hier gilt dasselbe wie beim Buch. Ein Kurs-Hit kann dich eine Zeit lang tragen, doch dann musst du was Neues auf der Pfanne haben von ähnlichem Potenzial. Die Hände in den Schoß zu legen auf der Sonnenliege am Strand, ist die Garantie, dass du gegen eine Einkommenswand fährst. Wenn du von Videokursen leben willst, brauchen die (mehr oder weniger) konstante Investition an Aktivität deinerseits.

Beispiel online Handel: Du stellst keine Produkte her, aber du musst das, was du handelst, recherchieren und managen. Ein paar Quellen in China auftun und dann nur durchwinken und Marge kassieren, funktioniert nicht. Zumindest nicht dauerhaft. Der Wettbewerb schläft nicht. Also sind konstante Aufmerksamkeit nötig, um für den Markt interessant zu bleiben. Von Passivität keine Spur.

Bonusbeispiel Bloggen: Blogs scheinen in der Szene dazu zu gehören. Kein Digitalnomade ohne Blog. Oder so ähnlich. Damit kann man nämlich auch Einkommen generieren. Nur mal Affiliate Marketing als Stichwort. Bestimmt hast du auch schon von Youtube-Millionären gehört, die durch simple Kosmetiktipps ein sattes Einkommen haben.

Klar, das funktioniert; nur ist Einkommen via Blog das Gegenteil von passivem Einkommen. Als Blogger musst du sogar höchst aktiv sein, damit du Einkommen generierst. Denn wenn du nicht ständig neuen Content produzierst, dann verliert dein Blog schnell an Wert.

Hör’ auf zu arbeiten!

Passives Einkommen ist richtig, richtig krass schwer hinzukriegen. Das ist wie Star in Hollywood werden. Es gibt eine Menge Leute, die das versuchen und sich den Hintern aufreißen dafür, aber über Kellern und Minirollen nie hinauskommen. Nur von denen hört man nichts. Die allermeisten schaffen es nicht und sind daher keine Nachricht wert.

So sehe ich es auch beim passiven Einkommen. Die allermeisten schaffen es nicht. Die stehen auch nie auf einer Bühne, die schreiben kein Buch darüber. Also hören wir nichts von ihnen. Und selbst wenn wir von einem erfolgreichen Buchautor lesen, dass er mit seinem Buch ein hohes passives Einkommen erzielt… halte ich das am Ende für, hm, Schönfärberei. Denn, wie gesagt, abgesehen von seltenen all time classics haben Bücher eine viel kürzere Lebensdauer als die Zeit bis du kein Geld mehr brauchst.

Mir scheint es deshalb an der Zeit, ein anderen Ziel ins Auge zu fassen. Strebe nicht passives Einkommen, sondern das Ende der Arbeit an!

Ist das nicht paradox? Wer nicht arbeitet, hat doch kein Einkommen mehr, oder?

Hier eine Geschichte dazu: 1988 saß ich mit meinem damaligen Geschäftspartner in unserem untergemieteten Büro knapp ein Jahr nach Gründung unserer kleinen Branchensoftwarefirma. Die Luft war zum Schneiden. Der Vermieter nebenan paffte den ganzen Tag Zigarren – und unser Büro war fensterlos. Aber, hey, wir waren jung und enthusiastisch. Ein Startup (auch wenn es damals diesen Begriff noch nicht gab). Deshalb hatten wir die verwegene Idee: mit 45 Jahren wollen wir nicht mehr arbeiten müssen. Wir träumten vom großen Geschäftserfolg, der uns ein passives Einkommen bescheren würde. Bis dahin waren es noch 20 Jahre, doch das schien überschaubar.

Fast forward ins Jahr 2008. Ich wurde 45. Hatte ich jedoch das damalige Ziel erreicht?

Seitdem hatte sich mein Lebens- und Arbeitsweg einige Male gewendet. Wer hätte das gedacht? Auch hatte ich kein passives Einkommen. Wer hätte das gedacht? Insofern: Nein, der Traum des 25jährigen war nicht in Erfüllung gegangen.

Einerseits.

Denn andererseits: Ich musste nicht mehr arbeiten. Schon länger nicht mehr. Auch heute nicht mehr.

Mein Traum war doch in Erfüllung gegangen – nur ganz anders, als ursprünglich gedacht.

Das ist nicht paradox, sondern eine Folge der Umdefinition dessen, was ich tue, um Einkommen zu generieren. Ich nenne das nicht mehr Arbeit. Es ist einfach mein Leben. Ein Eichhörnchen nennt Nüsse sammeln sicherlich auch nicht “Arbeit”. Es gehört zu seiner Natur.

So sehe ich das auch: Ich bin schlicht tätig. Ich tue eine Menge Dinge – und für manche bekomme ich Geld.

Bei diesem Tun empfinde ich keinen Druck. Ich leide nicht unter Stress. Womit ich mich beschäftige, macht mir Spaß. Ins Kino zu gehen, ist Fun, diesen Blogartikel zu schreiben auch, einen Workshop zu geben ebenfalls, ein neues Buch zu konzipieren sowieso, einen Vortrag zu halten auf jeden Fall usw. usf.

Klar, nicht in jeder Sekunde ist der Spaß maximal. So funktioniert Leben nicht. Doch insgesamt sehe ich keine Dichotomie: hier Leben, dort Arbeit.

Deshalb muss ich auch nicht andauernd auf die work-life-Balance achten. Jedenfalls nicht mehr als du vielleicht auf die Balance zwischen “Zeit mit deinen Liebsten” und “Zeit für dein Hobby”. Balancieren gehört einfach zum Leben.

Tätig sein

Also, vergiss passives Einkommen. Sieh einfach zu, dass du nur Dinge machst, die dich erfüllen, die dir Freude bereiten… ja, und die dir auch genügend Einkommen bescheren, damit du damit weitermachen kannst.

Den Gedanken an eine Rente solltest du dir dabei auch gleich aus dem Kopf schlagen. Diese Form von verdientem passivem Einkommen im Alter ist nach meinem bescheidenen Verständnis eine historische Besonderheit der letzten 100 Jahre oder so gewesen. Es gab sie vorher nicht, es wird sie nicht in Zukunft geben.

Wenn du digitaler Nomade werden willst, lebe schlicht nachhaltig. Damit meine ich, lebe so, dass du es auf unabsehbare Zeit fortsetzen kannst. Du wirst nicht nur mit 28 oder 35 digitalnomadisch Geld verdienen wollen, sondern es wahrscheinlich auch noch mit 43, 57, 65, 72 und 84 tun müssen. Denn wenn du erstmal infiziert bist vom Diginomadentum oder zumindest von der Selbstständigkeit, dann bist du verbrannt für die abhängige Beschäftigung.

Über die Zeit wird sich deine Einkommenshöhe verändern, auch werden sich deine Einkommensquellen verschieben. Dass du jedoch auch noch im höheren und hohen Alter irgendwie aktiv Einkommen generieren wirst müssen, halte ich für sehr, sehr wahrscheinlich. Deshalb: Achte darauf, was du tust, wie du es tust. Du läufst keinen Sprint, keinen Marathon, sondern einen Ultramarathon durchs Leben.

Warum auch nicht? Was ist schlimm an der Vorstellung, mit 78 noch aktiv Einkommen zu verdienen? Welches verquere Bild sitzt uns im Nacken, wenn wir das gruselig finden und möglichst früh nach passivem Einkommen streben?

Historisch bisher einzigartig ist doch auch die Situation in der wir sind, dass wir so frei bestimmen können, womit und wie und wo wir tätig sind für unser Einkommen. Das, so finde ich, sollten wir nutzen, um endlich vom alten Arbeitsbild Abschied zu nehmen.

Schluss mit der Arbeit! Wir können auch ohne sie ein auskömmliches Einkommen haben. Ganz bewusst in Aktivität.

Das halte ich für eine realistischere Perspektive für dich und mich als Diginomaden. Darüber sollten wir auf der DNX 2017 auch mal sprechen.

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9 Comments

  1. Hallo Ralf,
    danke für den Artikel, der uns alle vielleicht wieder ein wenig auf den Boden der Tatsachen zurück holt.

    Ich denke auch, dass der Begriff “passives Einkommen” als Buzzword viel zu oft verwendet wird und auch im Kern etwas anderes meint, als man auf den ersten Blick vermuten könnte: Die meisten digitalen Nomaden stecken ihre Zeit in der Erstellung von digitalen Produkten und Marketing, sodass sie am Ende die Freiheit haben, ihre Arbeitszeit flexibel zu planen und dank des Internets den Arbeitsort frei wählen können. Das ist aber eigentlich nichts neues und wird von vielen Selbstständigen seit Jahrzehnten bereits so oder so ähnlich gelebt (z. B. mit Software-Produkten). Das unterscheidet sie von reinen Dienstleistern, die lediglich Zeit gegen Geld tauschen.

    Wie du schon geschrieben hast, sollten wir uns überlegen, unsere Geschäftsmodelle möglichst ortsunabhängig und skalierbar auszurichten, um nachhaltig ohne ständige Anwesenheit auch im Alter noch unser Auskommen zu haben.

    Eventuell führt die Bewegung der digitalen Nomaden zu einer höheren Akzeptanz in der Gesellschaft. Vielfach sind ja leider die Bilder von Stränden und Urlaub in den Köpfen fest verankert.

    Viele Grüße,
    Daniel

    • Das ist auch meine Hoffnung: dass hier eine Bewegung Kraft entfaltet, die den Mainstream verschiebt. Extrembeispiele sind dafür sehr gut: sie polarisieren und heizen die Diskussion an. Alle kommen ins Nachdenken.

      Sehr schön zu sehen war, dass auf der DNX auch erste Reflexionen stattgefunden haben. Man nimmt sich als Bewegung wahr und fragt sich, wie ein explizites Profil aussehen könnte – und wo im lifecycle von Bewegungen die Diginomaden eigentlich stehen.

      Wirklich neu ist “ungebundenes Arbeiten” natürlich nicht. Ich fühle mich insofern schon seit bald 20 Jahren als Diginomade. Das Grundmotiv ist ja Selbstbestimmung bzw. Freiheit. Dafür brauche ich kein eBook als Einnahmequelle oder muss bei amazon Handel treiben. Ich kann auch als Dienstleister, sogar als offline Dienstleister Diginomade sein. Alles eine Frage der Zeit- und Ortsplanung.

      Aber sicher gibt es einen Grund, warum die Diginomaden erst jetzt sich als Bewegung kontourieren. Das ist der massive Ausbau von Internet und WLANs, die Verfügbarkeit von Internet-basierten Kollaborationswerkzeugen, der Siegeszug digitaler Medien, viel bessere Bedingungen für ein papierloses Leben/Arbeiten – und nicht zuletzt günstige Flugpreise.

  2. Hallo Ralf,

    ich stimme Dir zu 100% zu. Ich war bisher auf allen DNX-Veranstaltungen hier in Berlin, dieses Jahr habe ich aber beschlossen nicht mehr hin zu gehen. Warum? Auf der einen Seite finde ich es toll, dass es die DNX gibt und die Bewegung quasi ein Sprachrohr hat. Aber: Die Ausrichtung finde ich sehr, sehr einseitig. Blogs und Affiliate Marketing. Wie Du schon schreibst, das mag für manche funktionieren. Aber wenn ich auf der FB-Gruppe lese “Habe eben meinen Job gekündigt” und dann sehe das die Alternative zur Festanstellung das 1000. Reiseblog sein soll, dann meine ich läuft etwas schief. Es ist absolut richtig, die tollen Möglichkeiten aufzuzeigen, die wir mittlerweile durch das Netz haben. Und Euphorie und Mut zu wecken, einfach mal über alternative Lebensentwürfe nachzudenken. Aber ein gewisser Realitätssinn sollte schon erhalten bleiben, Luftschlösser nützen uns allen nichts. Ich bin mittlerweile 40, und wie Du habe ich lange Zeit vom goldenen Kalb, a.k.a. “passives Einkommen” geträumt. Und auch ich habe es nicht geschafft. Und genau wie wir werden es die meisten damit eben auch nicht schaffen. Daher: Ich wünsche mir, dass bei der nächsten DNX auch mal andere Methoden des ortsunabhängigen Arbeitens diskutiert werden. Und Blogs mal nur ein Randthema bleiben. Themen gäbe es genug. Zu mir: Ich bin in der IT tätig, habe etliche Projekte und Produkte die Geld bringen, und andere, die das nicht tun. Ich muss mehrmals im Jahr nach Deutschland, um Kundenbesuche und Akquise zu machen. Den Rest kann ich frei und selbsttätig planen. Ist das passives Einkommen? Nein! Empfinde ich es als Freiheit und bin dankbar dafür? Zu 100%!

  3. Danke Ralf für mal wieder einen guten Artikel.

    PS: Bitte nicht die (zumindest in Deutschland seltenen) festangestellten Remote-Arbeiter vergessen 😉

  4. Danke für den Artikel. Ich glaube jedoch dass du den Begriff “Passives Einkommen” falsch bzw. viel zu extrem verstehst.

    Wenn du darunter verstehst, dass man einmal ein “Passives Einkommen” durch e-books, Blogs, Amazon etc. aufbaut und dann nie wieder etwas tun muss – dann ja, hast du natürlich vollkommen recht. Das funktioniert nicht. Ausser man hat im Lotto gewonnen oder gut geerbt.

    Ich und vermutlich auch alle Sprecher der DNX verstehen darunter, dass du dir ein solches Einkommen aufbaust um dann nicht mehr 1:1 “Zeit gegen Geld” tauschen zu müssen sondern auch einmal die Freiheit hast an einem Strand zu liegen und einen Cocktail zu schlürfen, jedoch in dieser Zeit trotzdem Geld zu verdienen.

    Natürlich musst du noch weiterhin was tun, und natürlich läuft das ganze nicht ohne dein ständiges zutun. ABER du tauscht deine Zeit nicht mehr 1:1 gegen Geld. Und wenn du es weitgehend automatisieren kannst (Durch Outsourcing, Automatischere Workflows) usw. hast du natürlich noch mehr Zeit gewonnen die du nicht Arbeiten musst. Und das ist der große Schlüssel. Selbstverständlich muss man auch hier Zeit investieren und alles weiter aufbauen.

    Also:

    Passives Einkommen !== (nicht gleich) Einmal was aufbauen, nie wieder Arbeiten müssen und es läuft für immer -> Totaler Quatsch
    Passives Einkommen == Ein Business auf zu bauen in dem du “passiv” Geld verdienst, indem du eben NICHT mehr 1:1 Zeit gegen Geld tauscht wie es zb. bei der klassischen Dienstleistung der Fall ist.

    Und das, lieber Autor ist definitiv möglich und machbar. Ich habe es getan und viele andere vor und nach mir auch.

    • Lieber Patrick, danke für deinen Input. Ich verstehe, was du suchst. Das ist ja auch machbar. Nur ist es unglücklich, das mit “passives Einkommen” zu benennen. Missverständnis vorprogrammiert.

      Aber glaub nicht mir, sondern lieber Wikipedia, https://en.wikipedia.org/wiki/Passive_income. Dort steht: “Passive income is an income received on a regular basis, with little effort required to maintain it.” und dann “It defines passive income as only coming from two sources: rental activity or ‘trade or business activities in which you do not materially participate.'”

      Die Zauberformel lautet also “with little effort required to maintain it”.

      Passives Einkommen hat – laut Definition – nichts mit einer Entkopplung von Zeit und Geld zu tun, sondern mit dem Aufwand, den du fürs Geld treiben musst.

      Du würdest wahrscheinlich sagen, dass gutes Geld verdient mit Affiliate Marketing über ein Blog, passives Einkommen ist. Zwar arbeitest du 40 oder 60 Stunden/Woche für dein Blog (recherchieren, schreiben, Partner auftun usw.) – doch mit dieser Zeit verdienst du eben nicht direkt Geld. Du konvertierst sie vielmehr erst in Blogartikel, die dann für Traffic sorgen, der zu Affiliate Marketing Einnahmen führt. Leser sind nicht die Kunden, sondern Marketingpartner.

      Ich finde solches Einkommen nicht sehr passiv. Im Gegenteil!

      Andererseits würdest du wahrscheinlich sagen, dass ein Beratungsbusiness kein passives Einkommen beschert. Auch nicht, wenn man nur 2-3 Tage im Monat “Zeit gegen Geld tauscht”. Der Zeit-Geld-Tausch ist nach deiner Definition das K.O.-Kriterium.

      Ich hingegen würde sagen: Coole Sache, nur 2-3 Tage arbeiten pro Monat? Das ist “little effort”, also schon ziemlich passiv.

      Aber am Ende eben doch nicht. Denn um mit 2-3 Tagen verkaufter Zeit pro Monat genügend zu verdienen, muss man zwischen den Terminen ja etwas tun. Vielleicht muss man 100 Stunden ebenfalls recherchieren, Angebote schreiben, sich Techniken und Tools draufschaffen. Dann wäre das Einkommen auch nicht wirklich passiv.

      Und genau das ist der Grund, warum ich den Begriff “passives Einkommen” für so überbewertet halte. Mit Passivität, also nichts oder nur wenig dafür tun müssen, dass Geld stetig fließt, hat er nach deinem Gebrauch nichts zu tun. Und passives Einkommen laut IRS-Definition schaffen nur wenige. Das würde ich also nicht als Ideal ausrufen.

      So komme ich wieder dahin, dass ich nur empfehlen kann, loszulassen vom offiziellen passiven Einkommen sowie der Frage, ob ich nun Geld gegen Zeit tausche, um Geld zu verdienen. Die viel, viel wichtigere Frage ist doch, wie viel Selbstbestimmtheit ich empfinde und ob ich Freude an meiner Arbeit habe.

      Geld gegen Zeit tauschen und trotzdem auch noch selbstbestimmt/frei zu leben, unabhängig und “reisefähig” zu sein, ist möglich und machbar. Ich tue das seit Jahrzehnten und viele andere vor und nach mir auch. Warum den Blick von zukünftigen Digitalnomaden also begrenzen?

  5. Hallo Ralf,

    vielen Dank für den Artikel! Du sprichst so einiges an, was das Bild vom digitalen Nomadentum ausmacht. Viele haben einen falschen Eindruck von der Realität, was auch an der Berichterstattung der Medien liegt.
    Ich habe zusammen mit Sarah von Verwandert auf der Tourismusmesse ITB 2016 einen Vortrag über das reale Leben von digitalen Nomaden gehalten und es war interessant, wie viele Zuhörer überrascht waren, wie so ein Leben tatsächlich aussieht. Es existieren so viele Klischees. Daher finde ich es sehr gut, dass Du mit Deinem Artikel zur Aufklärung beigetragen hast. Denn der Aufbau von einem “passiven” Einkommen ist alles andere als einfach und in aller Regel harte Arbeit. Auch wenn Feli, Marcus & Co. das immer wieder betonen, so tragen die Medienberichte über die beiden (und andere) dazu bei, dass man eben doch glaubt, alles sei “easy” und man könne sich dabei zurücklehnen und von den Einkünften leben.
    By the way, natürlich ist die “4-Stunden-Woche” bei fast allen auch nur ein Wunschtraum. Theoretisch kann das wohl klappen. Aber bei wem klappt es tatsächlich?

  6. Hallo Ralf,

    ich glaube du hast das Thema in seiner Breite nicht wirklich ernsthaft in Betracht gezogen, sondern gehst mit dem “das kann/darf nicht funktionieren” Mindset an das Thema heran. Dein Beispiel Buch ist z.B. auf klassische Printbücher bezogen. Sowas empfiehlt dir niemand bzgl. Passives Einkommen. Aber wenn du Wissen in einem bestimmten Bereich aufgebaut hast, was andere dringend brauchen/haben wollen, dann kannst du ein 50-100 Seiten Büchlein als PDF schreiben und dies verkaufen. Gern für 15 oder 20 oder 50 EUR. Wenn das Büchlein ein Problem löst, was tausende Euro wert ist (z.B Strafen/Kosten in dieser Höhe vermeidet), dann wird sich das verkaufen.

    Es geht aber auch ganz klassisch durch Aktien/Anleihen etc. Dauert halt nur länger. Wirf mal einen Blick auf Tony Robbins Buch “Money Master The Game”. Ist am Anfang sehr zäh, wird hinten raus aber spannend.

    Eine Erfolgsgeschichte zum Thema Passives Einkommen ist z.B. Pat Flynn. Der veröffentlich seine monatlichen Einnahmen.

    • I beg to differ: Ich meine, das Thema schon sehr ernsthaft in Betracht gezogen zu haben. Und ich habe nicht behauptet, dass es passives Einkommen nicht gäbe. Es gibt auch Lottogewinne. Es gibt auch Leute, die werden 90 und sind Kettenraucher.

      Aber ich unterscheide eben zwischen möglich und realistisch. Gerade darin sehe ich ein Zeichen für Ernsthaftigkeit, selbst wenn ich zu einem anderen Schluss komme als du.

      Auf einen Lottogewinn, einen Aktiencoup oder ein one hit wonder bei Musik oder Buch kann ich nicht empfehlen, das ganze Sehnen und Trachten auszurichten. Die Menschen, die daran gescheitert sind, sind Legion. Die, die das geschafft haben, sind sehr, sehr wenige. Das liegt ja auch in der Natur der Sache: hochbezahlte Exzellenz muss rar sein, sonst wäre sie nicht hochbezahlt.

      Und nochmal: Selbst wenn du der Experte bist, der das Büchlein für 27,80€ 10.000 mal verkauft… kannst du davon nicht die nächsten 30 Jahre leben. Oder nur sehr, sehr bescheiden. Du musst also irgendwann anfangen, am nächsten Bestseller zu arbeiten. Dann ists aus mit der Passivität. Ganz zu schweigen davon, wie aktiv du sein musst, um erstmal das erste Büchlein zu schreiben.

      Eben noch Buchhalter, Marketingfachfrau, Programmierer, Grafiker in abhängiger Beschäftigung – und in 6 Monaten Bestsellerautor? Wie soll das denn gehen? Ich meine realistisch als Empfehlung für 475 von 500 Teilnehmern der DNX-Konferenz, die noch träumen?

      Du träumst ja auch noch davon, Kevin. Du kannst von deinem Blog noch nicht leben. Du hast keinen Bestseller geschrieben. Und selbst wenn du FBA-Guru werden solltest, wirst du die Hände nicht in den Schoß legen können. Du musst am Ball bleiben. In 3 oder 5 Jahren läuft der Hase bei amazon oder sonstwo schon wieder anders. Ohne Lesen, Experimentieren, Präsentieren, Schreiben wirst du auch mit deinem Thema kein passives Einkommen generieren können. (Und dass Pat Flynn passiv wäre, kann ich nicht erkennen. Der sieht sehr, sehr aktiv aus – und hat Spaß dabei. Der verdient jeden Tag sein Einkommen.)

      Und das ist doch auch nicht schlimm. Ich weiß gar nicht, warum sich alle so nach der Passivität sehnen. Als gehöre zum Glück ein passives Einkommen. Wie begrenzt ist denn die Sichtweise?

      Eigentlich ist es doch merkwürdig: Da hat sich gerade herausgestellt, dass passives Einkommen eben nicht massenweise funktioniert. Die Rente ist ja durch. Die Diginomadengeneration kann nicht darauf rechnen. Aber der Glaube hält sich, dieses Ziel sei weiterhin verfolgenswert – nur eben mit anderen Mitteln. Statt staatlicher Rente, die man in 40 Arbeitsjahren sich verdient, eine private Rente, die man in vielleicht 2-3 Jahren erwirtschaftet? Ich hoffe, da musst auch du den Kopf schütteln.

      “Get rich quick” war immer eine Lüge. Besser also, wir suchen das Glück im Rahmen eines Einkommens, das wir jeden Tag wieder auf die eine oder andere weise aktiv erwirtschaften. Mal mehr, mal weniger, mal mit Pausen dazwischen. Doch letztlich, ja, letztlich ohne darauf zu hoffen, irgendwann ganz passiv sein zu können. Als schaffende Menschen alt werden: das halte ich für ein erstrebenswertes Ziel.

      Ich hoffe, darin kannst du zumindest Ernsthaftigkeit erkennen.

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