Nomadische Mobilmachung

Du willst arbeiten wo es dir gefällt? Einfach nur im Homeoffice oder vielleicht sogar im Café in Montpellier oder im Co-Working Space in Marokko oder unter Palmen auf Bali? Du siehst nicht mehr ein, dass du zum Geldverdienen im Gebäude eines Arbeitgebers präsent sein musst? Du verstehst auch nicht, warum du von 9:00h bis 17:00h produktiv sein sollst? Willkommen in der Welt der Digitalen Nomaden!

So weit mal die Vision. Aber wie sieht das konkret aus? Nur wenn das, womit du Geld verdienst, nicht an deinen jeweiligen Aufenthaltsort gebunden ist, bist du frei umherzuziehen, eben nomadisch zu leben. Dafür musst du deine Arbeit irgendwie internetgestützt verrichten können.

Meiner Erfahrung nach gibt es bei solcher digitalen Mobilität allerdings verschiedene Stufen. Um dein Diginomadentum zu planen, ist es hilfreich, die zu unterscheiden, damit du keine böse Überraschung erlebst. Die Mobilitätsstufen betreffen deine Arbeit und deine digitalen Werkzeuge.

ICU MobilityICU Mobility

Die erste Stufe der digitalen Mobilität ist die… Immobilität. Ich nenne sie ICU Mobility, weil du dann so mobil bist wie auf der Intensivstation (engl. Intensive Care Unit) 😉 Also gar nicht.

Auf dieser Stufe bist du abhängig von Ressourcen, die dir nur an einem bestimmten Ort zugänglich sind. Wenn das z.B. eine Maschine oder Dokumente sind, ist die Abhängigkeit physisch/analog (PA). Ist das aber z.B. ein Server mit Dateien oder eine Datenbank oder eine zentrale Software, dann ist die Abhängigkeit digital (DA).

Um es noch konkreter zu machen, ein paar Beispiel solcher Abhängigkeiten:

  • Ich kenne Menschen, die nicht auf ihre 3 Monitore am PC verzichten wollen (PA).
  • Viele Unternehmen verwalten Informationen immer noch auf Papier, das sie in Regalen voller Ordner “speichern” (PA).
  • Wenn Unternehmen Informationen schon papierlos speichern, dann aber oft noch ausschließlich inhouse auf Festplatten oder in Dokumentenverwaltungssystemen wie Sharepoint (DA).
  • Auch wenn im Unternehmen mit Software gearbeitet wird, ist die oft ausschließlich im Unternehmensnetzwerk zugänglich (DA), z.B. Branchensoftware, CRM, elektronische Terminkalender.

ICU Mobility ist natürlich die Antithese von Digitalem Nomadentum. Bevor du dich nicht aus ihr gelöst hast, ist es nichts mit dem Cocktail am Strand während der Arbeit 😉 Die erste Frage für den angehenden Diginomaden ist also die nach den ortsgebundenen Abhängigkeiten in Bezug auf die Arbeit (aber auch das sonstige Leben).

Eine Festanstellung bedeutet aus meiner Sicht übrigens nicht automatisch ICU Mobility. Ich kenne Diginomaden, die immer noch abhängig beschäftigt sind und dennoch “in der Weltgeschichte herumgondeln”. Ihre Arbeit diktiert ihnen nur keine ortsgebundenen Abhängigkeiten. Klar, für einen Bäcker ist das kaum machbar; die meisten “Bürojobs” hingegen scheinen mir unnötig auf der Intensivstation zu siechen. Aber das ist ein anderes Thema…

Starbucks MobilityStarbucks Mobility

Die erste Stufe echter Mobilität ist dann für mich die Starbucks Mobility. Bei ihr existieren keine arbeitsortgebundenen Abhängigkeiten mehr. Du arbeitest, wo es dir Spaß macht – allerdings brauchst du ein recht ordentliches WLAN. Deshalb nenne ich diese Mobility nach der Coffeeshop-Kette aus Seattle. Die bietet in all ihren Filialen den Kunden kostenloses WLAN.

Aber natürlich kannst du auch woanders im WLAN sein für deine Arbeit: im Hotel, im Co-Working Space oder bei McD. Solange das WLAN stabil ist und nicht zu langsam, ist alles gut. Denn das ist die Voraussetzung für deine Arbeit auf dieser Stufe der Mobilität.

Wenn du darauf angewiesen bist, Skype-Sitzungen zu machen oder größere Datenvolumina zu bewegen (download/upload)  dann hast du Starbucks Mobility.

Technisch gesprochen ist deine Arbeit in Starbucks Mobility recht serverlastig und anspruchsvoll, was die Internetverbindung angeht. Zeichen der Starbucks Mobility ist die “kleine Welle” neben dem Provider-Namen auf deinem Smartphone:

Urban MobilityUrban Mobility

Auf der nächsten Stufe der Mobilität sind die Bedingungen etwas lockerer. Du brauchst zwar ständig eine Internetverbindung, doch die muss nicht immer sehr gut zu sein. Du kannst dich also in einer Stadt, die von Providern gut abgedeckt ist (für die du eine SIM-Karte hast), frei bewegen. Deshalb nenne ich diese Stufe Urban Mobility.

Mit deinem Smartphone oder via persönlichem Hotspot auch mit dem Laptop kannst du überall arbeiten. Emails checken, chatten, Dropbox-Dateien synchronisieren… das und mehr funktioniert, solange du “irgendwie” eine Internetverbindung hast.

Software, die mindestens Urban Mobility braucht, ist z.B. Slack, Trello, FastBill, Scopevisio… von Facebook und Google ganz zu schweigen 😉 Alle Internet-Dienste und auch viele Apps, die “cloudbasiert” sind, sind abhängig von einer ständigen Internetverbindung. Da beißt die Maus keinen Faden ab.

Für einen online Shop ist das selbstverständlich. Aber schon für ein so beliebtest Tool wie Slack ist das weniger einsichtig.

Bei Urban Mobility sind diese Symbole neben deinem Internetprovider auf dem Smartphone dein Freund:

Und selbst wenn zwischendurch mal ganz kurzzeitig keine Internetverbindung vorhanden ist, dann sollte das für deine Arbeit auch noch ok sein. Die meisten Tools verschmerzen es, wenn eine Datenübertragung gelegentlich scheitert. Dann probierst du es nochmal und alles ist gut.

Auf Dauer macht es mit den Tools jedoch keinen Spaß, ohne Internetverbindung zu sein. Deshalb eben “nur” Urban Mobility. Du bist abhängig vom Internet für deine Arbeit.

Greyhound MobilityGreyhound Mobility

Erst auf der Stufe der Greyhound Mobility bist du für längere Zeit unabhängig vom Internet. Ich habe diese Stufe so genannt nach den bekannten Überlandbussen in den USA. Dort ist zwischen den unendlichen Feldern von Iowa oder in den Rockys nicht damit zu rechnen, immer eine Internetverbindung zu haben. Wenn du trotzdem deiner Arbeit nachgehen kannst, dann hast du Greyhound Mobility.

Du kannst dir erlauben, auch ohne Datenverbindungssymbol auf dem Handy entspannt die Fahrt zu genießen 😉

Beispiele für Apps, die dich auch bei Greyhound Mobility arbeiten lassen: Evernote, MS Word, Photoshop, Final Cut Pro… eben Software, die Daten im lokalen Dateisystems deines Rechners speichert bzw. zumindest puffert. (In der Softwareentwicklung spricht man auch von occaisonally connected applications.)

Auf einem Laptop geht da allerdings immer noch mehr als z.B. auf einem iPad. Denn Laptops mit Betriebssystemen wie Linux, Windows, Mac OSX sind von Hause aus darauf ausgerichtet, mit lokalen Dateien zu arbeiten. Das Dateisystem ist für dich über Explorer/Finder ja auch zugänglich. Anders ist das bei Betriebsystemen für Smartphones/Pads. Die wollen dir die Bedienung einfacher machen und verbergen solche Details vor dir. So speichert Dropbox z.B. (ohne ausdrücklichen Wunsch) keine Daten lokal auf dem iPad. Du kannst also ohne Internetverbindung weder Dateien suchen noch öffnen.

Wie mobil bist du?

Frage dich als angehender Diginomade am besten möglichst früh, wie mobil du heute schon bist bzw. welche Mobilitätsstufe du morgen für dein Arbeiten unterwegs brauchst. Auf welcher Stufe verdienst du Geld? Welche Stufe ist nötig, um auch unabhängig von unmittelbar geldverdienender Tätigkeit deiner Arbeit nachgehen zu können?

Ein paar Beispiele:

  • Du bist Blogger und verdienst mit Affiliate Marketing dein Geld? Um dein Blog zu pflegen, brauchst du mindestens Urban Mobility. Einstellung in WordPress kannst du nur online vornehmen. Unter LTE/3G macht das allerdings auch keinen Spaß. Wenn du viel mit Bildern und Videos hantierst, ist sogar Starbucks Mobility angeraten für administrative Aufgaben. Beim Schreiben von Blog-Artikeln hingegen reicht Greyhound Mobility. Du kannst sie ja mit Word oder einem Markdown-Editor offline vorbereiten.
  • Du bist Softwareentwickler in einem verteilten Team? So manche Teile der Software kannst du vielleicht in Greyhound Mobility entwickeln, sogar inkl. Versionsverwaltung. Aber um mit deinem Team in Kontakt zu bleiben via Issue Tracker und Team-Chat oder gar Skype-Call ist zumindest Urban Mobility, wenn nicht sogar Starbucks Mobility angezeigt (für Screensharing-Sitzungen).
  • Du bist Übersetzer? Wahrscheinlich reicht für dich Greyhound Mobility aus, wenn du genügend Nachschlagewerke auf deinem Laptop hast. Für die Recherche zwischendurch brauchst du natürlich mindestens Urban Mobility.
  • Du bist online Händler? Recherche und Pflege deines Shops benötigen zumindest Urban Mobility mit 3G oder LTE.
  • Du bist Coach? Wenn du asynchron coachst, also z.B. per Email und Chat, reicht Urban Mobility, vielleicht sogar Greyhound Mobility. Synchrones Coachen hingegen per Skype oder Zoom braucht Starbucks Mobility.

Vorsicht Tool-Falle!

Bei vielen Werkzeugen ist es recht offensichtlich, welche Mobilitätsstufen sie unterstützen: Google braucht mindestens Urban Mobility, Teamviewer würde ich nur bei Starbucks Mobility einsetzen, MS Word hingegen funktioniert wunderbar offline bei Greyhound Mobility.

Eigentlich.

Denn manchmal braucht ein Tool überraschenderweise eine “höhere” Mobilitässtufe als gedacht:

  • Beispiel Email-Client: Da arbeitest du eigentlich mit einem Email-Client außerhalb des Browsers, doch der will Entwürfe, die du im Greyhound schreibst plötzlich nicht lokal speichern, sondern fordert eine Internetverbindung. Argh!
  • Beispiel Group-Chat mit Slack: Hier war ich sehr verwundert, dass die App nicht Greyhound Mobility unterstützt. Durch eine lokale Datenbank, die mit dem Server immer wieder synchronisiert wird wie bei Evernote, wäre das doch möglich. Aber leider funktioniert Slack so nicht. Schade. Und so kann ich nicht unterwegs aufgelaufene Chat-Nachrichten abarbeiten.
  • Beispiel MS Word: Eigentlich ist eine Textverarbeitung wie MS Word prototypisch für Greyhound Mobility. Doch in der Variante Office 365 habe ich es mehrfach erlebt, dass ich just in dem Moment, wenn ich auf dem platten Land (oder im Flieger) ohne Internet bin, zu einer (nochmaligen) Aktivierung aufgefordert werde, die natürlich eine Internetverbindung braucht. Ohne Aktivierung ist ansonsten keine Veränderung von Dateien möglich. WTF! Also sehe ich zu, dass ich doch zumindest in Urban Mobility bin, wenn ich MS Word benutze.

Und nun kommst du! 🙂 Auf welcher Mobilitätsstufe willst/kannst du Digitaler Nomade sein?

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4 Comments

  1. sehr gut die verschieden Stufen dargestellt. Ich denke mit unserem “wild & free – Kidstravel” bewegen wir uns zwischen verschiedenen Phasen hin und her. Aktuell geht es noch darum Reichweite aufzubauen. Daher muss Instagram, Facebook und Blog regelmäßig gepflegt werden. Also noch die Starbucks-Mobilität! Ab Anfang Juni kommt dann eher die Greyhound-Mobilität, da sind wir recht lange auf Gili Meno und von dort geht’s weiter auf eine kleine Insel in Thailand. Bei beiden geht die Onlineanbindung in Richtung Null. Ist aber auch nicht wichtig. In dieser Zeit wollen wir unser e-Book fertigstellen. Das Buch beschäftigt sich mit den Reiseabenteuern von unserem Räuber Jamie, aus seiner Sicht erzählt. Wenn das erledigt ist, kommt sicher wieder eine Phase wo wir alle Onlinekanäle nutzen die zur Verfügung stehen. Daher glaube ich, die meisten Digitalnomaden, werden wir Ihre echten Nomaden Vorbilder immer mal die Mobilität wechseln. Echte Nomaden ziehen ja auch umher aber treffen sich hin und wieder in Oasen, um aufzutanken und Informationen zu tauschen. Danach geht es wieder hinaus in die Welt.
    Ich bin auf weiter Sichtweisen gespannt!

  2. Ist es nicht irgendwie erstaunlich? Da hat man ein Smartphone mit der Rechenkapazität eines PCs und ein Firmenlaptop das gleichzeitig 3 Monmissionen steuern könnte. Und man könnte mit Visual Studio wunderbar Software in jeder noch so unverbundenen Lebenslage schreiben. Trotzdem sitzt man Tag für Tag von 7-17 Uhr im immer selben Büro am immer selben Platz? ICU Mobility ohne dass eine echte Notwendigkeit dazu besteht. Die Notwendigkeit ist eher gefühlt. Aber das Gefühl wird von der Firma auch gezielt gefördert, durch Maßnahmen wie die Stempeluhr, an die man immer noch gehen muss, wenn man “den Dienst antritt”, also “Nicht-Vertrauens-Arbeitszeit” für Angestellte (nicht für Führungskräfte!!!) oder durch die blöden Sprüche der Kollegen, wenn man mal um 15 Uhr Feierabend macht: “Na, halben Tag Urlaub?” Man grinst höflich und denkt sich “Ja, ja, du mich auch…”
    ABER: ICU Mobility kann auch als “I See You” Mobility verstanden werden. Schließlich sitz ich nicht alleine im Büro. Hierher kommen eben auch meine anderen Teammitglieder. Hier tauschen wir uns direkt aus, helfen einander, gehen zusammen Kaffe trinken, kotzen auch mal richtig über die Arbeit und/oder die Cheffin ab. Das macht man nicht so über technische Tools. Da herrscht eher eine gewisse Form von “Funkdisziplin”.
    Also manchmal würde ich mir doch mehr Mobilität wünschen. Starbucks-Mobility – man könnte sie auch “Home-Mobility” nennen, denn wo ist das WLAN stabiler als zuhause – erscheint mir als eingefleichtem ICU-Mobilisten bereits unglaublich erstrebenswert. Alles in allem, kann man aber auch in der Intensivstation glücklich werden. Wenn das Team stimmt, kann man überall toll zusammen arbeiten. Auch im Büro.

    • Sehr schön: “I See You” Mobility 🙂 Klar, mit Kollegen plaudern, sich helfen, das funktioniert supereinfach im gemeinsamen Büro. Hat was.
      Fragt sich nur, welchen Preis man bereit ist, dafür zu zahlen. Mehr als 20 Minuten Pendeln wäre ich zum Beispiel nicht bereit, aufzuwenden. Und vor allem nicht zwangsweise jeden Tag. Und auch nicht, wenn ich merke, dass andere mich mehr unterbrechen, als mir nützen.

      “I See You” gilt aber nicht nur unter Peers. Vor allem Management kann sich davon nicht trennen. Nur, wer im Büro gesehen wird, arbeitet auch. (Was natürlich nicht ferner der Realität sein könnte. Im Steinbruch mag man visuell die Produktivität eines Klopfers abschätzen können, nicht jedoch bei Wissensarbeitern.)

      Bottom line für mich: Warum soll nicht jeder wählen? Mancher mag tolle Zusammenarbeit im Büro. Anderen ist etwas anderes wichtig. Das ist die Freiheit, die ich meine. Und alle ziehen zusammen an einem Strang, wollen Resultate erarbeiten, die Kunden erfreuen.

  3. Da bin ich voll und ganz deiner Meinung. Ich wollte nur herausstellen, dass nicht für jeden und zu jeder Zeit eine mobile Arbeitsweise erstrebenswert ist. 😉

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