Entscheidungshorizonte – Vom Mountainbiking lernen 1

Wer was lernen will, sollte auf eine Reise gehen. Die Chancen stehen dabei nämlich besonders gut, dass Kontraste entstehen. Und durch Kontraste lernen wir. Das war mir schon aufgefallen bei meinem Co-Working-Aufenthalt auf Fuerteventura, als ein “Strandspaziergang” mir Einsichten zum Thema Velocity verschafft hatte. Auf Reisen ist einfach so viel anders als zuhause. Wenn man die Augen offen hält, bieten sich viele Gelegenheiten, das Normale, Gewohnte, Bisherige zu reflektieren. So ist es mir nun auch bei einer Woche im schönen Vorarlberg gegangen. Dort war ich mit meiner Freundin Andrea Kaden zum Mountainbiken und Co-Worken.

Unsere Erfahrung mit Mountainbikes hielt sich bis dahin in Grenzen. Wir sind ja “Fischköppe” und “Flachlandtiroler” 😉 In Hamburg kommt man gut mit einem normalen Fahrrad aus. Deshalb hatten wir uns Beistand gebucht: Techniktraining und geführte Touren. Und das war sehr lehrreich – nicht nur im Hinblick auf unsere Fahrtechnik. Sehr schnell habe ich nämlich gemerkt, dass das Mountainbiking einiges im wahrsten Sinne des Wortes für mich als Softwareentwickler unmittelbar erfahrbar macht, was sonst eher als Konzept und Glaubenssatz im Kopf herumgeistert.

Die Mountainbike-Praxis

Beim Mountainbiken geht’s natürlich um Freude am Fahren im Gelände. Mit Körper und Gerät in schöner Umgebung etwas erleben. Bergauf reinhauen, Aussicht genießen, bergab Geschicklichkeit beweisen und ein bisschen Geschwindigkeitsrausch erfahren. All das soll den Tag über schön flüssig laufen.

Damit das insbesondere mit einer ganzen Gruppe klappt, wird am Morgen zuerst die Tour besprochen. Im Bild erklärt unser Mountainbike-Trainer Johannes Larch von der Bike Schule im Bregenzerwald den geplanten Weg.

So sind alle im Bilde über zu erwartende Entfernungen, Anstiege, Abfahrten und Zwischenstopps auf Alpen. Gemeinsam wird überlegt, ob das für alle machbar ist bzw. ob Wünsche berücksichtigt werden sollen.

Während der Tour wird immer mal wieder ein Päuschen eingelegt. An einem Tag vor allem für mich, der ich mir meine Kraft und Kondition durch mangelnde Übung leider falsch eingeteilt hatte und deshalb beim ersten langen steilen Anstieg immer wieder absteigen und schieben musste 🙁 Keine schöne Erfahrung, das Schlusslicht zu machen. Aber auch wieder ein Kontrast, aus dem ich einiges gelernt habe.

Während der Tour wird aber immer wieder auch gecheckt, ob wir noch dem geplanten Weg folgen. Viele Wege führen zum Gipfel (oder wieder ins Tal), da will der zielführende für’s höchste Bikevergnügen ausgewählt werden.

Oder es kann sein, dass ein ursprünglich geplanter Weg doch nicht so befahrbar war, wie gewünscht. Dann gilt es, vor Ort eine Alternative zu finden. Das Wetter hinterlässt halt das Terrain ab und an durchaus überraschend.

Auf den Wegen heißt es dann, den Blick nicht zu sehr schweifen zu lassen. Beim Mountainbiken kann es ja schon recht holprig zugehen. Deshalb – so haben wir gelernt – schaut der Mountainbiker immer einige Meter in Fahrtrichtung auf den Weg. So ist’s richtig:

Insbesondere wenn es schmal und/oder holprig wird, gehört der Blick geradeaus in einige Entfernung. Doch das ist gar nicht so leicht! Wir mussten es wirklich üben. Denn der Reflex ist, insbesondere bei unruhigem Boden, unmittelbar vor’s Rad zu schauen. Das allerdings ist höchst kontraproduktiv:

Don’t try this downhill! 🙂

Wir haben es sehr deutlich gemerkt: Sobald es rumpelig wurde und wir uns auf die Unebenheiten direkt vor uns konzentrierten, haben wir an Geschwindigkeit verloren und wurden instabiler. Andrea hat sich zur Erinnerung daran einige blaue Flecken mitgenommen 🙁

Also: Den Blick locker ins mittlere Vorfeld gerichtet fahren und darauf vertrauen, dass der Körper den Rest erledigt. Geröll, Wurzeln, Steine, Furchen unterm Rad gleicht der automatisch aus. Darüber sollte man sich keine Gedanken mehr machen.

Wer mit dem Gefühl fürs Fahren und dem Gleichgewichtssinn qua Bewusstsein interferiert, fliegt auf die Nase. Das können Sie ganz einfach ausprobieren: Balancieren Sie auf dem Rand eines Bordsteins. Solange Sie auf Ihre Füße schauen, werden Sie schnell ins Schlingern geraten; richten Sie Ihren Blick jedoch in einiger Entfernung auf den Rand, kommen Sie flüssig(er) voran.

Die Reflexion

Können Sie sich denken, was ich durch diese Tourenpraxis für die Softwareentwicklung erfahren habe, was mir bewusst geworden ist? Sehen Sie die Analogie des Mountainbiking zum Softwareproduktionsprozess?

Softwareentwicklung schreitet voran in einem unwegsamen Gelände: das Anforderungsterrain. Es besteht aus unterschiedlich großen “Brocken”. Manche sind sehr groß und schon von weitem zu sehen, andere sind sehr klein und machen sich erst sehr kurzfristig bemerkbar. So ist es auch beim Mountainbiking. Berge sind sehr große Brocken, Wurzeln und Steine auf dem Weg sehr kleine. Hier wie dort geht es darum, die Tour durch das Gelände möglichst flüssig zu gestalten. Niemand will Umwege fahren oder gar aufgeben müssen. Werkzeug und Kenntnisse sollen geeignet sein und es soll keine Stürze geben.

Wie hat unser Mountainbike-Guide das geschafft?

Erfahrung

Erstens hat der Guide viel Erfahrung mit dem grundsätzlichen Gelände, hier: Alpen/Vorarlberg/Bregenzerwald. Er kennt die verschiedenen Touren unter verschiedenen Witterungsbedingungen. Er ist also Domänenexperte. Wäre er das nicht, würde die Vorbereitung einer Tour sehr viel länger dauern und der Fortschritt unterwegs sicher geringer sein.

Zweitens hat der Guide viel Erfahrung mit dem Mountainbiken überhaupt. Er beherrscht sich und sein Gerät. Damit kann er gewisse Obergrenzen für Touren setzen. Außerdem hat er Puffer, um im Notfall Hindernisse überwinden zu helfen. Er kann z.B. schneller als Gruppenmitglieder vorausfahren, um Gelände zu erkunden. Oder er kann in einem auseinandergezogenen Feld zwischen den Enden der Gruppe pendeln, um sie zusammenzuhalten.

Homogenität

Drittens achtet der Guide darauf, dass die Biker einer Tour recht homogen in ihren Fähigkeiten sind – und passt darauf dann auch den Tourenschwierigkeitsgrad an. Er stellt ein Mindestniveau sicher. Deshalb konnten wir selbst auf einen “Easy Ride” erst mitfahren, nachdem wir einen Tag Fahrtechnik hinter uns gebracht hatten. Eine, wie sich herausstellte, wesentliche qualitäts- und fortschrittssichernde Maßnahme.

Inhomogene Fähigkeiten sorgen leicht dafür, dass eine Gruppe auseinander gerissen wird oder gar scheitert. Konflikte wären vorprogrammiert. Also versucht der Guide, eine Gruppe ohne Unwuchten zusammenzustellen. Aus diesem Grund gab es auch Touren auf zwei Niveaus: für Anfänger wie uns und für Fortgeschrittene.

Entscheidungshorizonte

Besonders ist mir jedoch aufgefallen, dass Mountainbiking aus fortwährenden Entscheidungen innerhalb unterschiedlicher Horizonte besteht:

  • Strategische Entscheidungen: Erste Entscheidungen werden “am grünen Tisch” getroffen. Man steht nicht im Gelände, sondern hat nur eine Karte vor sich. Diese Entscheidungen sind natürlich nur sehr grob, dennoch sind sie wichtig. Hier wird das Erlebnis im Überblick geplant und seine Machbarkeit evaluiert. Aktuelle Informationen werden mit einbezogen, z.B. Gruppenzusammensetzung oder Wetter. Strategische Entscheidungen sind anschließend nur schwer rückgängig zu machen.
  • Taktische Entscheidungen: Taktische Entscheidungen im Rahmen, der durch die Strategie vorgegeben wurde, finden schon unterwegs statt. Während die Strategie noch Theorie war, ist die Taktik schon Praxis. Sie setzt sich mit den realen Gegebenheiten des Weges und der Performance der Gruppe auseinander. Kann der Hang wirklich befahren werden? Sollte der kurze oder längere Weg zur Hütte eingeschlagen werden, so wie die Gruppe sich darstellt? Nicht die Karte gibt hier Hinweise, sondern Wegmarken. Taktiksche Entscheidungen finden unter Augenschein statt – allerdings eher nicht in Bewegung. Während taktischer Überlegungen steht die Gruppe temporär still, um sich maximal flexibel neu orientieren zu können. In Ruhe ist der Wendekreis am kleinsten.
  • Situative Entscheidungen: Während der Fahrt entscheidet jeder Biker für sich ständig situativ. Dafür ist der Blick weit nach vorn gerichtet. Er erfasst die Situation einige Meter voraus, um zu entscheiden, welcher Linie auf dem taktisch eingeschlagenen Weg konkret zu folgen ist. Über die Wurzel oder lieber drumherum? Langsamer werden, um den Absatz zu überwinden oder lieber schneller und drüber hinweg springen? Situative Entscheidungen fallen in Bewegung und bewusst.
  • Operative Entscheidungen: Das Geröll, die Wurzel, der Absatz unter dem Rad wird am Ende mittels operativer Entscheidungen überwunden. Wie das Gewicht zu verlagern ist, ob die nochmal Bremse gezogen oder losgelassen wird, ob ein Tritt in die Pedale nötig ist… das sind in Bruchteilen von Sekunden operative Entscheidungen – die unbewusst stattfinden. Und das ist auch besser so! Wenn man sich hier nicht “der Körperintelligenz” überließe, käme man schnell zu Fall. Der situativ bewusst eingeschlagene Weg wird operativ unbewusst gemeistert.

Diese Entscheidungshorizonte sind ineinander geschachtelt. Das heißt, Entscheidungen in einem inneren Horizont bewegen sich im Rahmen des äußeren. Operative Entscheidungen honorieren situative, situative taktische und taktische strategische.

Umgekehrt definieren Entscheidungen auf höherer Ebene Spielräume für Entscheidungen auf niedrigerer – und überlassen die niedrigeren Ebenen dann sich selbst. Eine taktische Entscheidungsinstanz redet der situativen oder gar der operativen nicht rein.

Allerdings wirken sich Entscheidungen auf unterer Ebene durchaus auf obere aus. Untere Ebenen führen ja zu neuen Zuständen, die obere Ebenen beobachten und für weitere Entscheidungen berücksichtigen können. Keine Ebene kann sich also zurückziehen. Es gibt kein fire and forget oder nach Diktat verreist.

Erweist sich eine geplante Route als nicht fahrbar, muss die Strategie geändert werden. Bekommt die Operation eine Wurzel nicht in den Griff muss situativ eine neue Linie durch den Weg gelegt werden.

Schlussfolgerungen für die Softwareproduktion

Softwareentwicklung hat es auch mit Bergen, Hügeln, Steigungen, Abhängen, Absätzen, Wurzeln, Geröll und Spitzkehren zu tun. Und sogar noch etwas schlimmer: das Gelände verändert sich durchaus noch während der Tour.

Wir tun also gut daran, systematisch wie die Mountainbiker vorzugehen:

  • Sich in die Codierung zu stürzen, ohne ausreichend Erfahrung mit dem Anforderungsgelände gesammelt zu haben, ist keine gute Idee. Das Domänenwissen sollte solide sein. Und auch die groben Anforderungen an Funktionalität wie Effizienz sollten klar sein. Daraus ergibt sich der Rahmen für die Softwarestruktur. Bei aller Agilität, die unterwegs nützlich und sinnvoll ist, ist doch am Anfang Klarheit nötig. Meine Beobachtung: Hier wird zu oft zu früh begonnen, um geschäftig auszusehen. Zu wenig Forschung wird betrieben, zu wenige Fragen werden gestellt.
  • Die Kenntnis von Werkzeugen und Materialien sollte homogen und solide sein. Nichts schädlicher für eine Codebasis und den Fortschritt, als unterschiedliche Kompetenzstände. Denn solche Unterschiede führen zu teaminternen Konflikten über Formatierungen, Benennungen, Nutzung von Sprachfeatures und Frameworks bis hin zur Testabdeckung und Strukturierung von Code. Meine Beobachtung: Viele Teams sind sehr inhomogen. Dazu kommt noch die unterschiedliche Produktivität von Entwicklern aufgrund von natürlichen Differenzen in kognitiven Fähigkeiten.
  • Entscheidungshorizonte sollten bewusst abgegrenzt werden. Strategische Entscheidungen haben eine andere Zeit und eine andere Granularität als taktische usw. Nicht immer sind alle Details nötig; manchmal sind Details das Wichtigste, aber nicht für alle interessant. Klare Entscheidungsebenen und Entscheidungen sorgen für Kohärenz, d.h. Energie in Richtung auf ein Ziel. Eine klare Unterscheidung muss dabei einhergehen mit Entkopplung. Wer strategisch oder taktisch entscheidet, darf nicht ins Situative oder Operative reinreden. Solches Micromanagement bringt die Softwareproduktion zu Fall wie der Versuch, Lenkbewegungen an einem Stein bewusst zu kontrollieren. Die Entscheidungsebenen müssen integriert sein und sich aufeinander verlassen können. Meine Beobachtung: Zu viele Entscheidungen werden ins Situative oder Operative gedrückt oder genau andersherum: zu viele Entscheidungen werden am grünen Tisch gefällt. Außerdem ist die Kopplung unausgewogen; sie ist oft zu eng, es mangelt an Vertrauen, dass untere Ebenen ihre Entscheidungen selbst treffen können. Andererseits verabschieden sich immer wieder obere Entscheidungsträger aus der Beobachtung des Fortschritts. Sie verlieren den Kontakt und kommen daher zu spät für Neuorientierungen. Das führt zu einer sehr unruhigen Produktion. Der Lenker wird ständig herumgerissen, der Weg wird zum Zickzack, die Schwierigkeitsgrade ändern sich abrupt.
  • Außerdem sollten Entscheidungsinstanzen klar definiert sein. Strategische und taktische Entscheidungen werden eher vom Ganzen getroffen, situative und operative eher vom Individuum. Wieder sind diese Instanzen natürlich zu integrieren. Meine Beobachtung: Das Ganze wird oft Einzelnen anvertraut, was die Wahrnehmungsfähigkeit reduziert. Dazu kommt, dass sich die Instanzen zu oft mit größerer Geschwindigkeit bewegen, als für Entscheidungen auf ihrer Ebene passend ist.

Sie sehen, die Mountainbike-Woche war eine Fortbildungsreise für mich. Ich habe einiges erfahren, geradezu erfühlt für die Softwareentwicklung. Und das war noch nicht alles!

Ich kann Ihnen also nur empfehlen: Machen Sie einen Mountainbike-Kurs, wenn Sie nicht schon den Sport betreiben. Das ist gut für Körper und Seele und auch noch den Geist.

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One Comment

  1. Super Beitrag Klasse
    Wir waren auch gerade 4 Tage im Bregenzerwald

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