Die Operation entkoppeln – Vom Mountainbiking lernen 2

Kontinuierlicher Fortschritt im Gelände hat etwas mit angemessener Wahrnehmung und Entscheidung zu tun. Am besten läuft die auf unterschiedlichen Ebenen, in verschieden weiten Horizonten ab. Es braucht sowohl Weitblick, also einen Plan, wie Reaktionsfähigkeit, d.h. guten Umgang mit Unplanbarem im Nahbereich.

Das agile Manifest empfiehlt: responding to change over following a plan. Aber das bedeutet nicht, keinen Plan zu haben. Planlosigkeit ist nicht umsonst sprichwörtlich ein unerwünschter Zustand. Denn ohne Plan kein Ziel. Ohne Ziel keine Richtung und also auch kein Vorankommen.

Die Kunst besteht vielmehr darin, nicht am Plan festzuhalten. Wie das nämlich ausgehen kann, wenn man den Plan auf ein Podest stellt, habe ich Anfang 2016 in den Weiten Mecklenburg-Vorpommerns zu spüren bekommen. Lesen Sie hier die Geschichte einer Fahrt ins “Brownfield”

Pläne sind dennoch nötig, um ökonomisch mit Ressourcen umzugehen. Die sind meist begrenzt und sollen auch noch unterschiedlichen, womöglich konkurrierenden Zielen dienen. Also macht man sich besser mal ein paar Gedanken, wie das am besten erreicht werden kann.

Doch Aktivitäten wie die Softwareentwicklung oder das Mountainbiking sind keine ballistischen Geschosse. Zu glauben, einmal mit einem guten Plan gestartet würden sie schon zielgenau einschlagen, ist irrig. Die Kräfte, die unterwegs auf Projekte wirken, sind nicht vorausberechenbar wie Schwerkraft oder Luftwiderstand.

Projekte sind vielmehr kontinuierlich zu steuern: zwar entlang eines Plans, aber auf verschiedenen Ebenen mit unterschiedlichem Abstand zum realen Gelände.

Keine der Ebenen ist dabei „besser“ oder „höhergestellt“. Sie haben schlicht unterschiedliche Funktionen: die einen können weiter schauen, haben mehr Überblick, die anderen sind näher dran, haben mehr Detailwissen. Die Theorie eines Plans steht nicht über der Praxis der Geländebewältigung – und umgekehrt. Theorie und Praxis sind vielmehr zielführend zu integrieren. Beide müssen ohne Zorn und Eifer am selben Strang ziehen.

Dazu gehört allseitiges Vertrauen: strategische Entscheider müssen operativen vertrauen, situative Entscheider müssen taktischen vertrauen.

Und höhere Ebenen müssen niedrigeren im Rahmen des Vertrauens Spielräume lassen. Die Strategie muss also nicht nur z.B. der Situativen vertrauen, dass sie konkretes Gelände überhaupt bewältigen kann, also Fähigkeiten besitzt. Sie muss ihr auch die Möglichkeit lassen, im Rahmen der Strategie Entscheidungen zu treffen. Dasselbe gilt für die Situative und die Operative usw.

Erfahrbar wurde auch das für mich beim Mountainbiking.

Beim Mountainbiking macht man sich einen Tourenplan (Strategie). Aber wenn man dann im Gelände vor einer Strecke steht, ist es womöglich anders als gedacht, vor allem aber detailreich und konkret. Dann muss das Bike im Terrain über Stock und Stein und Wurzel möglichst geschmeidig bewegt werden. Situativ ist eine Fahrlinie zwischen bzw. über die Hindernisse zu legen; der Blick geht einige Meter vor das Bike. Operativ sind die großen und kleinen Hindernisse auf dieser Linie dann tatsächlich zu bewältigen.

Gerade dabei wird spürbar, wie wichtig Vertrauen und Spielräume sind.

Passives Mountainbiking mit Micromanagement

Als Stadtrad-Nutzer und „Flachlandtiroler“ wäre ich einen Hang naiv so heruntergefahren:

Aufrecht, den Hintern breit auf dem Sattel, den Blick auf die Hindernisse unmittelbar vor dem Bike gerichtet.

Das nenne ich mal die Passivposition. So hätte ich versucht, mich im Grunde vom Bike herunterkutschieren zu lassen. Einerseits. Denn gleichzeitig hätte ich ständig Angst gehabt, dass mich ein Hindernis aus der Bahn wirft. Ich hätte also bei geringer Geschwindigkeit andererseits misstrauisch versucht, jede Bewegung des Bikes zu kontrollieren. Ich hätte mich als Micromanager am Bike festgehalten, ohne Vertrauen, ohne Spielraum.

Insgesamt eine verkrampfte Art, Hänge herunterzufahren. Nicht empfehlenswert, wie wir schnell festgestellt haben.

So kann man fahren, wenn man in Hamburg um die Alster radelt. Da sind die Wege eben und keine Hindernisse zu erwarten. Der Weg ist weithin vorhersehbar. Er wurde bereits durch andere geebnet, so dass ich sehr effizient und simpel planbar vorankomme. Da kann ich freihändig fahren und mich gemütlich zurücklehnen. Quasi Autopilot.

Nicht so auf stark abschüssigem Wurzelwaldweg.

Aktives Mountainbiking: Vertrauen und Spielräume

Zum Glück haben wir in einem Fahrtraining gelernt, wie man sich richtig auf einem Mountainbike hält, wenn man raues Gelände bewältigen will: man nimmt die Aktivposition ein.

Ein Meister bin ich in der Aktivposition noch nicht. Aber die wesentlichen Merkmale sind im Video durchaus zu erkennen, denke ich:

  • Wichtigster Unterschied zur Passivposition: Ich stehe. Zwischen dem Sattel und mir ist ein deutlicher Abstand. So kann das Bike unter mir springen, d.h. sich selbstständig dem Boden anpassen. Ich behindere es nicht mit meinem Gewicht.
  • Die Beine sind leicht gebeugt, ebenso die Arme (“Gorillaarme”). Dadurch federe ich Bewegungen des Bike ab, dämpfe sie.
  • Mein Becken ist über dem Tretlager, der Oberkörper fast parallel zum Rahmen und also nach vorn gebeugt. Das fühlt sich manchmal fast schon falsch an, wenn es steil bergab geht, doch es ist die bessere Haltung. So wird das Gewicht besser auf beide Räder verteilt, das gibt Haftung.
  • Der Oberkörper vorn mit Gorillaarmen drückt außerdem das Vorderrand bei Absätzen nach unten. So behält das Vorderrad Stabilität.
  • Der Blick ist weit vors Bike gerichtet. So kann ich situativ die Fahrlinie bestimmen, doch ich versuche nicht, auf Hindernisse direkt vor dem Vorderrad bewusst zu reagieren. Das machen Bike und Unterbewusstsein operativ allein.

Alle diese Haltungsmerkmale sorgen dafür, dass einerseits das Bike sich frei bewegen kann, wie es der Boden eben erfordert. Und andererseits bleibe ich in Kontakt mit dem Bike und kann es operativ oder gar situativ steuern. Bike und Rider sind lose gekoppelt. Das sieht man besonders schön an vorausfahrenden Bikern. Die stehen ruhig in der Aktivposition – und das Bike springt geradezu unter ihnen.

Situative und Operative sind lose gekoppelt in Vertrauen und mit Spielräumen. Abstand zum Sattel und gespannte Glieder: das gibt Spiel. Dem Bike Raum geben nach oben und auch zur Seite, damit es im Rahmen der situativ mit dem Lenker eingeschlagenen Richtung sich quasi selbst den Weg sucht, das ist Vertrauen.

Gewichtsverlagerung, Bremsimpulse, kleine Lenkbewegungen steuern von oben nach unten. Von unten nach oben kommen Signale über den Fortschritt mittels visueller Wahrnehmung, Gleichgewichtssinn und Propriorezeptoren.

Die Entscheidungsebenen sind in ständigem Austausch. Sie sind bidirektonal gekoppelt. Doch diese Kopplung ist eben angemessen, sie ist lose gegenüber der Passivposition.

Natürlich hat die Situative ein kurzfristiges Ziel im Auge – doch sie macht sie nicht zu seinem Sklaven. Sie überlässt die Erreichung immer wieder frei der Operativen, nachdem sie sie informiert hat.

So funktioniert dann auch die Abfahrt über steile, hindernisreiche Wege. Es ist erstaunlich.

Schlussfolgerungen

Die Aktivposition ist der Schlüssel zum Erfolg beim Mountainbiking. Die muss man üben. Ihre Effektivität muss man wirklich erfahren, um es zu verstehen. Das kann ich Ihnen nur ans Herz legen.

Und dann stellt sich die Frage, wie diese Haltung in die Softwareentwicklung übertragen werden kann?

Die bockt und springt ja auch in ihren täglichen Umdrehungen bei der Implementation. Das ist nicht zu ändern. Der Unwägbarkeiten des Codierungsgeländes sind viele: Anforderungen stellen sich als schwieriger als gedacht heraus, eine Bibliothek will nicht, wie sie soll, der Kollege wird krank, eine Zulieferung ist unpünktlich… In dieses operative Voranschreiten kann nur begrenzt dämpfend eingegriffen werden.

Deshalb muss die darüber liegende Ebene sich daran lose koppeln. Sie muss vertrauen, dass die Operative der eingeschlagenen Linie folgt/folgen will. Gleichzeitig muss die Situative ihr Raum geben, um mit den Unwägbarkeiten selbst zurecht zu kommen, ohne dass dadurch gleich die ganze Linie bzw. das situative Ziel aus den Augen verloren wird. Die Operative muss auch ermächtigt werden, in Maßen die Linie bzw. das Ziel zu verändern, wie es eben das konkrete Anforderung-Code-Terrain erfordert.

Gleichzeitig brauchen Situative und Taktik konstante Informationen von unten. Sie können sich nicht in Tagträume zurückziehen und gelegentlich mal nachfragen, wie es denn gelaufen ist. Gerade hier sehe ich einigen Nachbesserungsbedarf. Höhere Entscheidungsebenen sind nicht nur lose an untere gekoppelt, sondern abgekoppelt. Wenn sie sich dann gelegentlich mal wieder ankoppeln, sind sie überrascht über die veränderte Situation – und versuchen, das Steuer hastig herumzureißen. Das ist, als würde man beim Biken in Sekundenschlaf verfallen.

Außerdem müssen alle Ebenen akzeptieren, dass es in unwegsamem Gelände eben keine konstante Geschwindigkeit gibt. Es gibt immer nur eine angemessene Geschwindigkeit je nach Untergrund und Fähigkeiten.

Deshalb ist es auch unsinnig, genaue Schritte für die Operative jenseits des unmittelbar nächsten zu planen. Nur das hier und jetzt zählt, nur das, was als nächstes dran ist. Wenn das bewältigt wurde, dann kann man sich Gedanken über das nächste Hindernis machen. Auch das ist eine Form von Entkopplung. Man macht sich unabhängig von einer ohnehin unsicheren Zukunft.

Sie sehen: Man kann an den ungewöhnlichsten Orten etwas für die Softwareentwicklung lernen 🙂 Berichten Sie doch einmal, was Sie unterwegs schon alles erfahren haben…

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