Über den Tellerrand mit Total Immersion

Wir alle stecken fest in unseren Denkmustern. Da mögen wir uns für noch so offen oder flexibel oder innovativ halten: am Ende sind auch das nur Gedanken widerhallend in unserer persönlichen Echokammer.

Das ist auch ok so. Ein gewisses Maß an Stabilität (im Denken) ist nötig als Substanz, an der und mit der wir arbeiten können. Doch wenn wir zu lange in dieser Echokammer hausen, dann verwandelt sich positive Stabilität gern auch mal in Rigidität; unser Denken verknöchert, unser Kreativitätsmuskel atrophiert.

In Zeiten, da Innovation keine Sache von “spinnerten Erfindern” mehr ist, sondern anscheinend für jedes Unternehmen, ob groß, ob klein, zur Pflichtübung wird, stellt sich daher die Frage: Wie aus der Echokammer ausbrechen?

Ich habe dazu gerade ein Experiment gemacht. Meine Denkmuster waren etwas abgestanden 😉

Deshalb habe ich mich zur Denkwoche “Entrepreneurship als Entwicklungspotential” mit Professor Günter Faltin auf dem Château d’Orion in Südfrankreich angemeldet. Und ich muss sagen: die Woche hat’s echt gebracht!

Günter Faltin ist “bekannt aus Funk und Fernsehen” als Vordenker einer neuen Gründermentalität. Er nennt das Entrepreneurship und hat es ausführlich in seinem Buch “Kopf schlägt Kapital” beschrieben. Eric Ries und Tim Ferris sind jünger, moderner, hipper als Günter Faltin – dennoch steckt in seinem Ansatz einiger Appeal, finde ich. (Und am Ende geht es sowieso nicht um entweder-oder, sondern um sowohl-als-auch.) Also fand ich die Gelegenheit sehr attraktiv, den Vater des deutschen Entrepreneurship einmal persönlich zu erleben.

Äußerlich ging es bei der Denkwoche darum, eine eigene Geschäftsidee nach Faltins Ansatz (weiter) zu entwickeln. Das hat für die Teilnehmer unterschiedlich gut funktioniert. Manche hatten schon alles durchdacht, andere haben sich vor Ort erst ein Thema überlegt. Manche konnten ihre Idee systematisch vorantreiben, andere mussten zuerst grundlegende Fragen näher beleuchten.

Ich war auch eher ohne Idee angekommen und wollte mich überraschen lassen. Das hat auch geklappt: Am ersten Abend stellte sich heraus, dass ein anderer Teilnehmer eine Idee verfolgen wollte, die ich zufälligerweise schon im privaten Bereich umgesetzt hatte. Von da an hatten wir eine “Gründungsallianz” und konnten am Ende von den anderen Teilnehmern sogar Feedback für einen Produkt-Prototypen sammeln. Das hat viel Spaß gemacht.

In dieser Woche nochmal Faltins Ansatz und dann viele Gründungsideen zu sehen, hat natürlich meine Echokammer erweitern und meine Denkmuster gelockert. Das wäre aber, würde ich sagen, noch nicht ganz den Workshop-Preis wert gewesen. Denn: so weit, so traditionell. Männer, die um einen Seminartisch herumsitzen und ein paar Übungen machen 😉

Nein, “der Bringer” war etwas anderes. Wirklich außergewöhnlich hat die Denkwoche das Drumherum gemacht. Ich möchte fast sagen, die Veranstaltung war ein “Gesamtkunstwerk”.

Ich hatte bei einem vorherigen Besuch auf dem Château schon davon gehört. Doch nun habe ich es erlebt. Denkwochen sind Seminarveranstaltungen der anderen Art. Anlass und Ausgangspunkt ist sicher ein Thema vertreten durch oft bekannte bis berühmte Referenten; deren Spektrum reicht vom Bestsellerautor über den Bundespolitiker bis zum Nobelpreisträger. Nicht umsonst lautet ein Motto der Denkwochen: Große Namen im kleinen Kreis. Als Teilnehmer kann man hier mit Vordenkern, mit Leuten, die eine Botschaft haben, auf Tuchfühlung gehen.

Doch die wahre Besonderheit der Denkwochen besteht darin, wie die Besitzer des Château – Elke Jeanrond-Premauer und Tobias Premauer – die Denkwochen “einpacken”.

Da ist zum einen das Château selbst als traditionsreiches Gebäude mit seinen liebevoll restaurierten Räumen. So geballtes 19. Jahrhundert lässt kaum eine andere Wahl, als erste (Denk)Gewohnheiten abzulegen.

Dann ist da die Umgebung: Weiter Blick über Wiesen auf die Pyrenäen. Der lädt ein zum Verweilen. Kreisende Gedankenmuster kommen zur Ruhe. Die äußere Weite befördert inneren Weitblick.

Und dann das Essen! Morgens, mittags, abends haben Elke, Tobias und ihr Team uns Seminarteilnehmer mit sehr regionaler Küche verwöhnt. Vollpension vom Feinsten! Dazu gehört auch, dass alle immer um einen Tisch sitzen. Familiäre Atmosphäre unvermeidbar.

Womit ich beim Erfolgsrezept der Denkwoche bin: Total Immersion.

Von morgens 9h bis abends 22:30h wird zusammen gedacht & zusammen gelacht. Die Atmosphäre ist einfach dicht. Das ist sehr intensiv. Das sorgt dafür, dass wahrlich Denkmuster aufgebrochen und Echokammern verlassen werden.

So ausgedehnte Zeit mit manchmal mehr, manchmal weniger Gleichgesinnten auf so engem Raum in solch gastfreundlicher Atmosphäre zu verbringen, scheint mir unmöglich, ohne sich auf den Anderen einzulassen. Nähe stellt sich ein. Man schaut hinter die Fassade und “echte Menschen” mit ganz unterschiedlichen, manchmal abenteuerlichen Geschichten kommen zutage. “Anders denken” und “anders leben” sind damit keine Sache mehr von Berichten aus Zeitschrift oder Internet, sondern hautnah erfahrbar.

“Wie geht das, so zu leben?” habe ich mich manches Mal gefragt – und dabei meine eigenen Vorstellungen hinterfragt.

Mein Experiment hat also einen guten Ausgang gehabt, gar einen besseren als gedacht. Die Investition in eine Denkwoche im fernen Frankreich hat absolut gelohnt. Das Thema ist im Grunde austauschbar: dieses Mal war es Entrepreneuership, beim nächsten Mal vielleicht etwas Philosophisches. Doch ansonsten hätte kein Aspekt anders sein dürfen: die Teilnehmerzahl war ideal, die Vielfalt motivierend, das Ambiente erdend, die Gastfreundlichkeit öffnend.

Bei Tisch haben die vielfältigen Impulse regionaler Küche meinen buchstäblichen Hamburger Tellerrand überschritten. Im Seminarraum, im Salon, unter der Platane waren es die Begegnungen mit den Menschen. Freundlich, offen, bereichernd, sehr intensiv.

Sie merken, ich bin begeistert 😉 Nicht umsonst schreibe ich dies gleich auf dem Rückflug nach Hamburg. Das war eine Woche, die ich Ihnen sehr empfehlen kann.

Sicher, jede Teilnehmergruppe ist anders und auch die Themen haben einen Einfluss auf das Erlebnis. Doch die wichtigste Zutat der Denkwochen ist quasi unwandelbar: Gastgeber, Ort und Region. Das sind die essenziellen Katalysatoren für den Blick über den Tellerrand, der eben nicht nur mit einem Thema, sondern mit dem ganzem Menschen zu tun hat.

Wir mögen glauben, dass die Softwareentwicklung besser wird, wenn wir bessere Tools und Technologien erlernen. Weit mehr jedoch, so scheint mir, können wir davon profitieren, unser Denken zu verändern. Glaubenssätze hinterfragen, Gewohnheiten reflektieren, mal etwas ganz anderes sehen, hören, schmecken: das verändert viel tiefergehend und dauerhafter und ist die Bedingung für die Möglichkeit, mit “neuem Gerät” (oder auch dem alten) besser zu werden.

Jetzt ist nur die Frage, wann habe ich wieder Zeit für einen Besuch auf dem Château…?

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