Vorschlag für einen Gesundheitsindex

Was ist eigentlich Erfolg für ein Unternehmen? Was ist Erfolg für einen Mitarbeiter eines Unternehmens? Lässt sich Erfolg messen? Denn das wäre ja nützlich, um festzustellen, ob man sich ihm annähert oder eher von ihm entfernt. Oder wem bzw. was sollte man sich überhaupt annähern?

Den Unternehmenserfolg messen?

Unternehmerischer Erfolg wird wohl meistens mit wünschenswerten Veränderungen bei den Finanzen gleichgesetzt. Ich schreibe deshalb mal €rfolg 🙂 (oder auf Englisch: $uccess). Mehr Umsatz, besser noch mehr Gewinn sind des Unternehmens liebstes Kind.

Diese Sicht mag etwas eng sein, doch für das, was ich hier entwickeln will, passt es. Sie werden sehen: am Ende ist es sogar egal, was ein Unternehmen als Erfolg definiert.

Persönlicher Erfolg?

Und was ist für Sie persönlich Erfolg? Wenn Sie mit festem Gehalt abhängig beschäftigt sind, lohnt es sich kaum, nach mehr €rfolg zu schielen. An Ihren monatlichen Bezügen werden Sie kaum kurzfristig durch eigenes Zutun etwas verändern können.

Deshalb finde ich es für mich als Mensch (im Gegensatz zu mir als Unternehmer) nicht so passend, davon zu sprechen, dass ich nach Erfolg strebe. Eher nach Erfüllung. Oder nach Zufriedenheit, gar Glück.

Irgendwie gehört dazu dann auch das liebe Geld, doch als “Erfüllungsgehilfe” ist sein Nutzen begrenzt. Dass ich mich erfüllt, zufrieden, froh, glücklich fühle… dazu gehört eine Menge mehr.

Play it again, Sam!

Was es genau ist, dass mich persönlich zufrieden, froh, glücklich macht, will ich hier gar nicht näher aufschüsseln. Es geht um ein Gefühl als Summe von vielen erfüllten Bedürfnissen und Wünschen. Für mich sind das diese und jene, für Sie wahrscheinlich ganz andere.

Über seinen €rfolg kann ein Unternehmen jederzeit Auskunft geben. Doch bei meinem persönlichen Glück habe zumindest ich Schwierigkeiten. Auf die Frage “Bist du glücklich?” traue ich mich nicht mit “Ja!” zu antworten. Oder ich weiß es schlichtweg nicht, ob ich (schon) glücklich bin.

Dennoch glaube ich, dass sich Glück wie €rfolg feststellen lässt. Nur muss die Frage anders lauten.

Was ist Ihr Wunsch, wenn Sie sich erfüllt, froh, glücklich und zufrieden fühlen?

Wenn Sie aus dem zeitlosen Gefühl für einen Moment auftauchen und es Ihnen wie mir geht, dann haben Sie den Wunsch, dass dieses Gefühl anhalten möge. “Ach, würde es doch so nur weitergehen…”

Stellen Sie sich eine Situation nach Belieben vor: unter Palmen am Strand, im Flow vor dem Rechner, in den Armen des/der Liebsten… Wäre es nicht schön, wenn sich das gute Gefühl auf unbestimmte Zeit in die Zukunft ausdehnen würde?

Mir geht es jedenfalls so. Und deshalb glaube ich, dass eine viel bessere Frage nach dem Glück so lautet: “Für wie wiederholenswert hältst du diesen Tag?”

Am Ende eines erfüllten Tages, wenn ich glücklich und zufrieden zurückblicke, dann finde ich den Tag natürlich total wiederholenswert. Ich hätte nichts dagegen, wenn es wieder so einen Tag gäbe. Ich würde an dem Tag nichts ändern wollen. Gerne mehr davon! (Was natürlich nicht bedeutet, dass ich in eine “Und täglich grüßt das Murmeltier”-Schleife geraten möchte.)

Diese Frage kann ich sehr gut beantworten für einen Tag oder eine Woche oder einen Zeitraum wie einen Urlaub.

Ich habe das mal mit verschiedenen Situationen durchgespielt. Es ist erstaunlich, wie viel leichter mir da eine Antwort gefallen ist im Vergleich zu “Wie glücklich bist/warst du?”

Um ehrlich zu sein: Zu der Frage “Für wie wiederholenswert hältst du diesen Tag?” hat mich auch der Net Promoter Score (NPS) angeregt. Eine Antwort kann ja als Empfehlung verstanden werden: “So einen Tag wie heute kann ich dir nur empfehlen!” 😉

All together now!

Unternehmen streben nach €rfolg, Menschen nach Glück. (Kennen Sie noch die Zeichentrickfilme “Herr Rossi sucht das Glück”?)

Unternehmen kommen nicht ohne Menschen aus, Menschen nicht ohne Unternehmen. Solange das so ist, tun beide Seiten gut daran, die andere nicht aus dem Blick zu verlieren.

Unternehmen, die nach €rfolg streben, ohne das Glück ihrer Mitarbeiter im Blick zu behalten, sind menschenverachtend. Und Mitarbeiter, die nur ihr Glück im Sinn haben, ohne am €rfolg des Unternehmens interessiert zu sein, sind kurzsichtig und respektlos.

Oder auch anders herum: Unternehmen, die das Glück ihrer Mitarbeiter über den €rfolg stellen, sind zwar sehr respektvoll, aber wohl auch kurzsichtig. Und Mitarbeiter, die den €rfolg des Unternehmens über ihr eigenes Glück stellen, reiben sich auf.

Wie man es dreht und wendet, €rfolg und Glück müssen in Balance sein. Das eine auf Kosten des anderen anzustreben, führt in eine Zerstörung – entweder des Unternehmens oder der Mitarbeiter.

Das bedeutet, wenn man bewusst vorankommen, sich verbessern will, muss die Qualität beider Aspekte bestimmt werden. Unternehmen müssen nicht nur €rfolg messen, sondern auch das Glück ihrer Mitarbeiter.

Ich bin sogar davon überzeugt, dass €rfolg und Glück in einem Zusammenhang stehen. €rfolg ist vom Glück abhängig: Wo das Glück steigt, wird auch der €rfolg zunehmen; sinkt das Glück, wird der €rfolg nachziehen. Glück scheint mir insofern ein prediktiver Aspekt. Wer die Entwicklung der Glücksqualität beobachtet, kann eine Vorhersage über die Zukunft des €rfolgs machen.

Umgekehrt scheint mir der Zusammenhang weniger klar. Steigt der €rfolg, folgt das Glück nicht so zwingend. Sinkt der €rfolg hingegen, kann es zu sehr spontanen Einbrüchen beim Glück kommen.

Die Funktion €rfolg=f(Glück) erahne ich als stetiger, linearer im Vergleich zu Glück=f(€rfolg), die für mich eher chaotisch ist.

Einordnen statt messen

€rfolg ist relativ klar messbar, würde ich sagen. Aber muss er wirklich genau gemessen werden? Ich glaube, in vielen Fällen ist eine grobe Einordnung ausreichen.

Auf die Frage “Wie erfolgreich war das Unternehmen im letzten Jahr?” kann mit einem Wert der Skala 1 bis 10 geantwortet werden, z.B. 1=nicht erfolgreich, wir stehen kurz vor dem Bankrott; 10=überaus erfolgreich, die Erwartungen wurden weit übertroffen.

So eine Skala kann man auch an Geld binden, z.B. kann 1 für einen Verlust über 1.000.000€ im Zeitraum stehen und 10 für einen Gewinn jenseits von 10.000.000€ im Zeitraum. 2..9 entsprechen dann Gewinn-/Verlustbereichen zwischen diesen Extremen.

Oder €rfolg kann auch komplizierter bzw. ganz anders definiert werden. Es kann die Kundenzahl einfließen, der Marktanteil, die Zahl der Anrufe beim Support, Pünktlichkeit von Releases, die Zahl der Nachbesserungen… Irgendwie, direkt oder indirekt geht’s bei all dem dennoch ums Geld: Einnahmen oder Ausgaben. Egal. Am Ende kommt eine Zahl von 1 bis 10 heraus. Die ist ein Destillat mit all seinen Nachteilen, aber auch Vorteilen.

Dito kann man auch das Glück einordnen, denke ich. “Für wie wiederholenswert hältst du das Jahr/den Tag für dich persönlich?” kann zwischen 1=überhaupt gar nicht, es war alles ganz schrecklich und 10=so könnte es ewig weitergehen, es ist alles perfekt geantwortet werden.

Mir jedenfalls ist eine solche Einordnung z.B. für die letzten Urlaube sehr leicht gefallen. Viel leichter als die Antwort auf die Frage “Na, wie war’s?” 😉

Zusätzlich kann zu den Einordnungen noch eine Frage gestellt werden. Insbesondere für die Glücksqualität finde ich wichtig zu erfahren, “Was müsste sich ändern, damit du dem nächsten Zeitraum eine 10 gibst?”

Die Frage ist wie beim NPS allerdings nur zu stellen, wenn die Antwort im Bereich von 1..8 liegt. Darüber ist das Glück ja schon (fast) vollkommen.

Ins Verhältnis gesetzt

Wenn nun die Qualität zweier Aspekte eines Unternehmens durch Einordnung auf einer Skala erhoben werden und einer davon schon €rfolg heißt, worum geht es dann im Ganzen?

Ich sage mal, es geht um Gesundheit, um Unternehmensgesundheit. Die setzt sich zusammen aus direkten oder indirekten finanziellen Resultaten und einer Stimmung. €rfolg steht dabei quasi für den Körper, das Äußerliche, Glück für die Seele, das Innerliche.

Gesundheit ist dann vorhanden, wenn die Qualitäten von Körper und Seele in einem guten Verhältnis stehen. Ich finde, das hört sich nicht nur sinnig für Menschen als biologische Organismen an, sondern auch für Unternehmen als soziale Systeme, d.h. aus Menschen bestehende Organismen.

Gesundheit bedeutet Kompensationsfähigkeit. Darüber habe ich schon einmal geschrieben. Sicher ist dafür ein Geldpolster nötig. Aber als ebenso unverzichtbar sehe ich das Glück an. Denn wer glücklich ist, der empfindet Sinn, der ist motiviert, der hängt sich rein, der blickt über den Tellerrand des arbeitsvertragsmäßig Nötigsten.

€rfolg wie Glück stehen beide für Energie. Die kann freigesetzt und gelenkt werden. Mit ihr kann man etwas wagen, mit ihr kann man Stress bewältigen.

Mit den Werten zweier Erhebungen

lassen sich nun zwei Kurven zeichnen.

In diesem Beispiel ist die Glücksbewertung durchweg stärker als die €rfolgsbewertung. Für beide sind aber deutliche Tendenzen zu erkennen. Und die gehen auch noch nach oben. Sehr schön.

Mit diesen zwei Kurven kann man die Entwicklung dieser Gesundheitsfaktoren beobachten. Doch ich glaube, es geht noch knackiger. Warum zwei Kurven vergleichen, wenn man die Entwicklung auch auf einen Blick sehen kann?

In der folgenden Matrix sind alle €rfolgs- und Glücksbewertungen gegeneinander aufgetragen:

Die x-Achse steht fürs Glück, die y-Achse für den €rfolg weil mir die Funktion €rfolg=f(Glück) besser gefällt.

In den Zellen finden Sie als Quotienten die €rfolg-Glück-Verhältnisse. Der Wert 10 steht für maximalen €rfolg bei minimalem Glück, der Wert 1 zieht sich als Diagonale durch die Matrix für €rfolg und Glück auf Augenhöhe und 0,1 findet sich unten rechts als Wert für maximales Glück, aber leider ohne €rfolg. Oben rechts das Ideal: €rfolg und auch noch Glück maximiert.

An dieser Matrix finde ich hübsch, dass sie sich in vier Quadranten teilen lässt.

  • Rechts oben in Grün der Quadrant der Freude, der Entwicklung: €rfolg und Glück sind hoch.
  • Links unten in Rot der Quadrant der Tränen, der Zerstörung: €rfolg und Glück sind klein.
  • Die beiden verbleibenden Quadranten sind grau, weil dort zwar ein Aspekt gut bewertet ist, der andere jedoch deutlich hinterher hinkt. Das kann nicht wünschenswert sein, ist aber auch noch nicht sofort gefährlich.

So eingängig die Matrix mit ihren Quadranten aber auch ist, ihre Werte geben keine schöne Kurve ab, wenn man die Entwicklung des €rfolg-Glück-Quotienten über die Zeit aufträgt. Ein hoher Wert ist nicht per se gut, ein niedriger auch nicht und der Wert 1 steht gleichermaßen für höchste Freude wie für tiefste Tränenflut.

Doch wenn man die Matrix ein wenig anders betrachtet, wird ein Schuh draus, finde ich. Die Diagonale zeigt an, dass es letztlich oberhalb und unterhalb um dasselbe geht: die Distanz von einer Ausgewogenheit. Und die ultimative Ausgewogenheit besteht, wenn €rfolg und Glück maximal sind.

Mit beiden Bewertungen ist mithin festzustellen, wie weit der Zustand vom Ideal entfernt ist. Sind €rfolg und Glück beide mit 10 bewertet, ist die Distanz 0, also minimal. Sind beide jedoch mit 1 bewertet, ist die Distanz mit 2 x 9 = 18 maximal.

In der folgenden Matrix habe ich diese Distanzen vom Idealzustand eingetragen.

Ich stelle sie mir als konzentrische Viertelkreise um den maximalen Gesundheitszustand oben rechts vor. Je größer die Distanz, je dunkler die Farbe, desto trüber die Aussichten.

Wenn ich diese Matrix nun zugrundelege und in ihr über die Zeit die €rfolg-Glück-Bewertungspaare nachschlage, dann komme ich für die obigen beiden Kurven zu dieser Gesundheitsentwicklung:

Allerdings lasse ich die Kurve nach oben laufen, weil ein Anstieg motivierender aussieht. Sie zeigt also nicht die nachgeschlagene Distanz, sondern die Strecke, die bis zum Maximalwert schon zurückgelegt wurde.

Mit dieser Kurve ist auf einen Blick die Gesundheit des Unternehmens definiert als Funktion seines €rfolgs und des empfundenen Glücks seiner Mitarbeiter: Gesundheit = f(€rfolg, Glück).

Aber vielleicht sollen €rfolg und Glück nicht gleich bewertet werden? Dann kann ich die Matrixzellen auch beliebig gewichten. Nachfolgend stellen sie nicht berechnete Distanzen dar, sondern sind manuell eingetragene Gesundheitsqualitäten für €rfolg-Glück-Paare. Ihre Verteilung im Wertebereich bzw. in der Matrix ist nicht gleichförmig.

Die Qualitätswerte sind so eingetragen, dass wachsendes Glück etwas stärker bewertet wird als wachsender Erfolg, insbesondere im rechten oberen Quadranten.

Und schon sieht die Gesundheitsentwicklung anders aus:

Jetzt gibt es deutliche Schwankungen. Wo vorher eine klare Tendenz zu erkennen war, gibt es jetzt sogar tiefe Einbrüche. In Periode 10 fällt die Gesundheit stark zurück, weil das €rfolg-Glück-Paar im unteren rechten Quadranten liegt und einfach nicht wünschenswert ist, auch wenn viel Glück empfunden wird.

Hand in Hand

Aus solch einem kombinierten Gesundheitswert, der Unternehmen und Menschen berücksichtigt, lässt sich einige Motivation ziehen, finde ich.

Alle können daran interessiert sein, die Kurve nach oben zu bekommen. Denn das bedeutet, Unternehmen wie auch Menschen nähern sich ihren durchaus unterschiedlichen Zielen an. Wird nur der €rfolg gesteigert, stößt die Kurve schon bald an eine Grenze; schaut man zu viel aufs Glück, ist dem Gesundheitszuwachs ebenfalls eine Grenze gesetzt. Beides muss Hand in Hand gehen.

Insofern denke ich, dass eine Steigerung bis zum Maximum nur möglich ist, wenn ebenfalls die Menschen Hand in Hand gehen, d.h. wenn sie gemeinschaftlich die Maßnahmen festlegen, mit denen sie bessere Werte erreichen wollen.

Volle Gesundheit gibt es nur in autonomer Führung, d.h. Selbstbestimmung.

Fazit

Unternehmerischer Erfolg lässt sich messen. Aber nur Erfolg zu messen, führt in die Irre. Nicht Erfolg, sondern Gesundheit ist das Ziel. Erfolg ist von ihr allerdings nur ein Teil. Der andere ist das Glück. Das Glück der Mitarbeiter, die ja den Erfolg erarbeiten, darf nicht auf der Strecke bleiben, sonst ist der Erfolg kurzlebig.

Durch die Beobachtung sowohl der Entwicklung von Erfolg wie Glück und ihre Zusammenfassung in einem Index, scheint es mir nun möglich, die Gesundheit eines Unternehmens (oder auch nur einer Abteilung oder eines Teams) sehr einfach im Blick zu behalten.

Ja, ich kenne den Spruch “Wer misst misst Mist!” Doch gar nicht messen, ist auch keine Lösung, oder?

Und ich weiß auch: Man bekommt immer das, was man misst. Wer auf gute Zensuren in der Schule starrt, der bekommt (vielleicht) gute Zensuren – doch was bleibt dabei womöglich auf der Strecke?

Der hier vorgeschlagene Gesundheitsindex jedoch ist ein zusammengesetzter Wert, der sowohl die unternehmerische wie die persönliche Sicht vereint. Wird sein Wert gesteigert, profitieren beide Seiten. Ist das nicht wünschenswert?

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