Corruptio optimi pessima

So ist es, habe ich gedacht, als ich diesen lateinischen Spruch in “Small is Beautiful: A Study of Economics as if People Mattered” gelesen habe: Die Korrumpierung der Besten führt zum Schlimmsten.

Es ist frustrierend und bitter, es macht mich zuweilen auch wütend, weil ich mich hilflos fühle: Wenn kompetente und motivierte Menschen dazu gezwungen werden – oder ehrlicher: sich gezwungen fühlen –, entgegen ihrer Kompetenz zu handeln, wenn sie nicht das tun dürfen, was sie guten Gewissens tun würden, um eine Software (oder das Unternehmen im Allgemeinen) voranzubringen… dann ist das so ziemlich das Schlimmste, was in der Softwareentwicklung passieren kann.

Es fehlt an nichts. Doch das Potenzial wird nicht genutzt. Das ist Verschwendung.

Dem eigentlichen Zweck wird nicht gedient. Stattdessen wird etwas anderes angestrebt. Oft ist das ein kurzfristiger Gewinn an Zuneigung (des Kunden) oder Schutz (vor Kritik).

Wie oft habe ich es in Unternehmen gesehen: Das Entwicklungsteam will Umsicht walten lassen – doch Kunde und/oder Management lässt diese professionelle Haltung nicht zu. Es wird etwas anderes “befohlen”, das Entwicklungsteam knickt ein… Es wird nicht das Beste für eine Codebasis getan, sondern kurzfristig wird eine trügerische Ruhe erzeugt, die geradezu zwangsläufig früher oder später zu einem Sturm führt.

Die Korruption liegt meistens in der (mehr oder weniger expliziten) Drohung des Entzugs von etwas, das vorhanden ist, und nicht in der Aussicht auf eine Belohnung. Die Abhängigkeit der an einem Vorhaben Beteiligten von diesem einen Vorhaben bzw. der einen Organisation ist gewöhnlich so groß, dass eine Beeinflussung sehr einfach ist.

Und so führen viele kleine Handlungen wider das Beste zum Schlimmsten.

Den Fachleuten ist das klar – doch es nützt nichts. Sie lassen sich vorschreiben, was sie tun sollen, obwohl sie wissen, dass das langfristig kontraproduktiv ist. Zumindest für das offizielle Ziel, dem sie sich verpflichtet fühlen, weil sie meinen, dafür angeheuert worden zu sein.

Was lässt sich dagegen tun? Jeder kann jeden Tag versuchen, es ein bisschen besser zu machen. Wer sich gezwungen fühlt, kann ausprobieren, etwas Rückgrat zu zeigen. Einfach mal schauen, ob wirklich etwas Schlimmes passiert, wenn man für das Richtige einsteht. Und wer bemerkt, dass er andere in eine Zwangslage bringt, die sie nicht tun lässt, was sie mit ihrer Kompetenz für das Richtige halten, der kann ausprobieren loszulassen. Passiert wirklich etwas Schlimmes, wenn der kurzfristige Gewinn nicht erzielt wird?

Oder etwas unzeitgemäß ausgedrückt: Mehr wertegeleitetes Handeln könnte Schlimmes verhindern.

 

Bildquelle: http://gsjacobsen.com/cop.html

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2 Comments

  1. “Die Abhängigkeit der an einem Vorhaben Beteiligten von diesem einen Vorhaben bzw. der einen Organisation ist gewöhnlich so groß, dass eine Beeinflussung sehr einfach ist.”

    True. Je mehr Engagement und Craftsmanship man in ein Vorhaben erbracht hat, desto stärker scheint das Vorhaben auf einen zu rückzuwirken. Es fällt schwer sich mit Kompromissen dritter abzufinden, insbesondere wenn man einen großartigen Weg hinter sich hat, aber die Vision noch nicht erreicht ist. Wie ein Paradox.

  2. Ich meinte zwar eine andere Abhängigkeit: nämlich die vom Geld bzw. dem sozialen Umfeld. Aber natürlich entsteht auch eine Anhaftung an das Geschaffene.

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