Zu viel der Leistung

Habe gerade in einer Einladung zu einer Veranstaltung dies gelesen:

“Agile Teams brauchen Führung, um täglich Höchstleistungen bringen zu können.”

Warum ist das so, dass täglich (!) Höchst(!)leistungen erbracht werden müssen? Kann man das überhaupt? Würde es nicht bedeuten, dass die Leistung nicht nur an Tag 1 exzeptionell sein muss, sondern an Tag 2 höher und an Tag 3 nochmal höher usw.? Denn wenn immer nur dieselbe exzeptionelle Leistung erbracht wird, dann ist sie schon bald nicht mehr exzeptionell.

Wo wird eigentlich sonst täglich Höchstleistung erbracht? Das tun ja nicht mal (Höchst)Leistungssportler. Die erbringen sogar sehr selten Höchstleistungen; vor allem trainieren sie nämlich.

Mir kommt das wie ein Wahn vor, ständig Höchstleistungen anzustreben. Ganz davon abgesehen, dass mir grad nicht einfällt, wie jemand überhaupt beurteilen will, was eine Höchstleistung ist. Dazu braucht es ja einen absoluten Maßstab. Eine “Höherleistung”, als eine Mehrleistung im Vergleich zu einer anderen kann man leicht erkennen. Aber eine Höchstleistung?

Weiß der Manager eines bisher mittelmäßigen Teams, wann es eine Höchstleistung erbringt? Wohl kaum, denn wie soll schon das bisherige Mittelmaß als solches erkannt worden sein.

Mir ist das ein Rätsel. Und es scheint mir kontraproduktiv bis menschenverachtend, nach “täglichen Höchstleistungen” zu streben.

Wer neue Mitarbeiter sucht und damit wirbt, Teil eines Hoch- oder Höchstleistungsteams zu werden, wäre für mich kein attraktiver Arbeitgeber.

Wer um Kunden wirbt und ein Höchstleistungsteam anpreist, wäre für mich kein glaubwürdiger Dienstleister.

Sich und sein Team täglich ein bisschen besser zu machen, scheint mir machbar, gar wünschenswert. Und gelegentlich auch mal eine deutlich bessere, eine echte Hochleistung zu erbringen, mag motivieren. Doch Höchstleistungen, gar tägliche… nein, da hört es bei mir auf. Das ist für mich Gier in einer anderen Form. So wird Raubbau an den Teammitgliedern betrieben.

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4 Comments

  1. Ja, damit hast Du meiner Meinung nach absolut recht. Es ist nicht nur das unbedachte anwenden von Worten, vielmehr ein Spiegel unserer Gesellschaft in der leider alles auf Wachstum ausgerichtet ist.

  2. Hallo Ralf,

    Hast mit allem Recht – leider sind das halt Leute, die mit der Deutschen Sprache wenig anfangen können 😉

    Vgl. hierzu berühmte Zitate: “Das oberste Ziel für uns ist es Geld zu machen”. Bitte was ?!?
    Ebenso tägliche Inspiration bietet wie immer Dilbert 😉 Der Mangement-Marketing-Buzzphrase-Wahn nimmt zeitweise sehr groteske Züge an.

    Der Blick auf die Wünsche des Kunden wir zeitweise komplett aus den Augen verloren. Selbes Motiv auch hier: Gier.

    Buchempfehlung dazu von mir: Stefan Merath “Der Weg zum erfolgreichen Unternehmer” oder “Die Kunst seine Kunden zu lieben”.

  3. Agile Teams und Führung ist bereits ein Widerspruch in sich.

    Ein agiles Team braucht einen guten Scrum Master und einen sehr guten Product Owner die ihre Rollen in der agilen Welt ernst nehmen und richtig leben.

    Das Ziel soll sein ein Agiles Team so aufzubauen, dass es sich zu einem selbst organisierendem Team entwickelt. Dazu ist Führung nötig – aber nicht einem Leistungsorientierten, sondern einem das sich nach der Persönlichkeitsentwicklung richtet. Und danach ist keine Führung mehr nötig.

    Daran erkennt man eine gute Führungskraft, die alles in die Wege bereitet, so dass es diese nicht mehr braucht. Eine schlechte Führungskraft geht davon aus, dass es ohne diese nicht geht…

  4. Der Begriff “Leistung” ist leider nur in der Physik klar definiert. Im Arbeitsumfeld wird damit eher locker umgegangen, wie es gerade passt. Intrinsisch motivierte Mitarbeiter wollen die Wirkung ihrer Arbeit sehen und leisten daher von ganz alleine viel. Nach meiner Erfahrung muss ich sie eher bremsen, damit sie sich nicht zu stark belasten, als auch noch dabei anfeuern. Die Wirkung der eigenen Arbeit bedeutet aber nicht “Geld”, sondern “zufriedene Kunden”. Das können interne Kunden sein oder zahlende. Feedback ist dabei von besonderer Bedeutung. Der wirtschaftliche Erfolg ist die Folge zufriedener Kunden.

    Dazu kommt der Aspekt der Nachhaltigkeit. Ein Team sollte die Leistung liefern, die es gut dauerhaft erbringen können. Darauf beruht jegliche Planung in und mit agilen Teams. Dabei sollte stets noch Spielraum nach oben vorhanden sein, um bei eintretenden heftigen Risiken noch handlungsfähig zu sein. Nach einer solchen Höchstleistung gilt es aber immer, diese wieder durch etwas mehr Ruhe zu kompensieren. Im Leistungssport ist das auch nicht anders. Sonst kann ich nicht über etliche Jahre Weltspitze sein. Und das wollen wir mit unseren Teams und/oder unserer Firma ja auch. Planung und Führung helfen dabei, permanentes Management by Exception sind da eher Gift.

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