Planvoll in den Graben

Irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern. Mit meiner Freundin Andrea verbringe ich ab Neujahr ein paar Tage an der Ostsee für einen entspannten Jahresauftakt. Das Wetter ist bescheiden. Also fahren wir nach dem Einkaufen ein wenig mit dem Leihwagen über die Dörfer, statt am Strand zu spazieren.

 

Responding to change wurde hier nicht beachtet

Wir erfreuen uns dabei nicht nur verhangener Landschaft, sondern auch modernen Technik. Ohne die Orientierung zu behalten, biegen wir ab, wie es uns gefällt. Dabei entdecken wir verlassene LPG-Gebäude, lauschige Weiher und auch das eine oder andere Schloss. Irgendwann zieht es uns dann aber doch zurück ins Hotel. Also wirft Andrea auf ihrem iPhone Google Maps an und sucht einen hübschen Weg nach Hause. So lauschig wie bisher soll es weitergehen.

Ihrem Plan folgend fahre ich links, rechts, links über Landstraßen und -sträßchen bis wir nahe Vitense in einem laut Google Maps namenlosen Dorf vor einem Feldweg stehen. „Nicht anhalten, Honey. Da geht’s weiter.“ sagt Andrea. Ok, wer bin ich, dass ich das anzweifle? Ich fahre, sie macht den Plan. Also rauf auf den Feldweg mit dem tiefergelegten Leih-Citroen. Das fühlt sich jetzt sportlich an. Auch gut.

So geht es ein Stück neben der Autobahn entlang, dann unter der Autobahn hindurch, dann wieder entlang der Autobahn und um die Kurve. Nun ändert sich das Bild: vor mir kein fester Feldweg mehr, stattdessen zwei matschige Furchen. Wir schauen uns an. Andrea zuckt die Schultern. „Google Maps sagt, da geht’s weiter. Schau, hier auf der Karte sieht der Weg genauso aus wie vorhin die Straße.“ Ich zögere kurz und fahre dann in die Matschgasse.

Oh, oh, schon nach 20-30 Metern wird mir klar: das ist jetzt eine andere Nummer. Die Furchen sind tiefer als gedacht, der Matsch rutschiger als vermutet. Runterschalten, vorsichtiger lenken, aufpassen, dass der Wagen nicht in der Mitte aufsetzt.

Ich runtzle nochmal laut die Stirn, aber der erneute Verweis auf Google Maps lässt mich tapfer weiterfahren. Im Rückspiegel sieht der zurückgelegte Matschweg auch nicht besser aus. Ob ich die Strecke überhaupt im Rückwärtsgang für ein backtracking bewältigen würde?

Und dann reißt es mir das Lenkrand plötzlich herum. Der Wagen schliddert im Matsch. Gegenlenken bringt nichts. Ich fahre langsam und bin doch zu schnell. Wir gleiten ab in den Graben. Dreck, Mist, Sch… Ich hab’ es doch gewusst. Grrrrrrr.

Der Wagen sitzt rechts auf. Das Vorderrad hängt im Graben in der Luft, hinten ist es nicht viel besser. Da bewegt sich nichts mehr. Soviel zu einem entspannten Jahresanfang. Was nun? Wir sind mitten in der Pampa. 2km bis zum nächsten verschlafenen Dörfchen. Zu Fuß ist das nahe 0° mit meinem für den Einkauf dünn gehaltenen Jäckchen kein Witz.

Aber da kommen zwei Jogger. Kennen die vielleicht jemanden, der uns rausziehen könnte? Die sehen ins uns natürlich die typischen city slickers. Einmal auf dem Lande mit dem Auto und schon festgefahren. Nein, leider kennen sie niemanden, der helfen könnte. Und sie machen auch keine Anstalten, selbst mal zu schieben. Gebracht hätte das wohl auch nichts.

Doch als wir uns gerade tatsächlich zu Fuß auf den Weg machen wollen, sehen wir in der Ferne einen VW Transporter uns durch den Matsch entgegenkommen. Der Fahrer ist robust und weiß guten Rat. Er nimmt unseren Wagen auf den Haken und zieht uns auf den Weg zurück. Puh, was für ein Glück! Der Mann hat sich ein ordentliches Trinkgeld verdient. Jetzt nur noch den ganzen Matschweg zurücksetzen. Das ist wirklich nicht einfach, aber es geht. Langsam, immer wieder anhalten und den verdrehten Nacken richten. 20 Minuten später überholen wir die Jogger, die sich bestimmt wundern, wie wir es so schnell aus der verfahrenen Situation herausgeschafft haben.

Was für ein Abenteuer! Wir sind mit dem Schrecken davongekommen. Der Wagen ist heil und braucht nur eine ordentliche Wäsche – auch für den Unterboden. Die Tankstelle bietet uns gern „Unsere beste!“ Wäsche für 13,20€.

 

Warum berichte ich Ihnen davon? Weil die Retrospektive des Dramas natürlich eine Lehre bereithält. Nicht nur fürs Leben, auch für die Softwareentwicklung steckt in der Geschichte etwas.

Wir sind nämlich in den Graben gerutscht, weil wir nicht agil gefahren sind. Wir hatten das agile Prinzip „Responding to change over following a plan“ nicht beachtet. So einfach war das.

Wir beide, vor allem ich als Fahrer, haben mehr Google vertraut als dem, was wir vor uns sahen. Ein “Entwurf” für den Rückweg hatte größere Kraft als das Faktische der Fahr- oder besser Rutschbahn. Trotz eines unguten Gefühls konnten wir nicht ablassen vom einmal gefasst Vorsatz.

Mir ging auch der schon in diesen immer schlechter werdenden Weg investierte Aufwand durch den Kopf. „Jetzt all das wieder zurücksetzen? Nein, lieber weiter voran.“ Ich war eindeutig das Opfer der Sunk-Cost Fallacy. Welche Schmach…! Das mir…!

Aber wir sind sicher, dass uns eine wohlwollende Instanz den VW Transporter so bald geschickt hat, weil sie gesehen hat, dass wir schon bereit waren, die Lehre anzunehmen. Ja, wir haben zugehört, Universum! Wir haben etwas gelernt. Ein wenig auf die harte Tour – aber es war noch ok. Danke!

Damit Sie sich solches Malheur ersparen, berichte ich Ihnen davon. Behalten Sie die agilen Prinzipien im Blick. Machen Sie ruhig einen Plan. Das ist nicht schlimm, das ist sogar nützlich. Aber geben Sie dann nicht die Kontrolle an den Plan ab; bleiben Sie der Steuermann mit voller Verantwortung für Ihren Weg. Schauen Sie auf Ihren Plan – aber bewerten Sie ihn nicht höher als die Realität.

Seien Sie auch vorsichtig beim Denken: die Trugschlüsse lauern überall. Ihnen auszuweichen, muss man ständig üben. Genauso wie die Agilität. Alles scheint so klar und einfach. Doch wie schnell betrügen wir uns selbst, weil wir uns so sehr wünschen, ein Ziel zu erreichen? Also: Bleiben Sie wachsam!

 

Dieser Text ist auch in der dotnetpro 3/2016 im Rahmen meiner monatlichen Sandbox-Kolumne erschienen. Vielen Dank an den Verlag für die Erlaubnis, ihn hier im Blog auch zu veröffentlichen!

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