Landluft macht frei

Was ist gut für die Umwelt und ist gleichzeitig gut gegen Stress und schafft gleichzeitig mehr Zeit für Familie, Freunde, Hobby oder auch Arbeit und schafft Arbeitsplätze und erhöht die Konzentration bei der Arbeit und.. Ach, was weiß ich, was der Vorteile mehr sind? Es sind viele.

Ja, was ist das, das all diese Vorteile hat?

Ich sag’s mal plakativ:

Arbeiten, wo andere Urlaub machen

Damit meine ich nicht Ballermann, Bali, Bahamas, sondern eher Müritz, Lüneburger Heide, Bayerischen Wald.

Jetzt könnte ich weit ausholen und erklären, für welchen Wahnsinn und Anachronismus ist die deutschland- bzw. weltweite Urbanisierung halte. Wie mich ein Artikel über Peking – Eine Stadt, doppelt so groß wie Südkorea – motiviert hat, dies hier zu schreiben. Aber nach zwei Anläufen lasse ich das nun; es wurde zu episch 😉 Stattdessen möchte ich einfach eine Vision präsentieren.

Co-Working auf dem Lande

Stellen Sie sich einen Ort mitten in Mecklenburg-Vorpommern vor. In dem Ort ein modern ausgebautes Bauernhaus oder auch ein ganz neues Gebäude. Darin 50 Arbeitsplätze in unterschiedlicher Gruppierung auf unterschiedlich großen Flächen, manche mit Rückzugsmöglichkeit, dazu kleine Besprechungsräume. Und alles natürlich mit top digitaler Infrastruktur ausgestattet. Wir schreiben ja das Jahr 2015 oder später. Überlegen Sie, was da alles möglich ist… Email und Röhrenmonitoren waren gestern 😉

Genutzt werden diese Arbeitsplätze von Menschen mit ganz unterschiedlichen Jobs: Buchhalter, Softwareentwickler, Marketeers, Sachbearbeiter, Projektleiter, Social Media Spezialisten usw. usf.

Die meisten dieser Menschen sind angestellt – aber nicht beim selben Unternehmen. Und die Unternehmen, die sie beschäftigen, haben auch nicht in dem entzückenden Ort in Mecklenburg-Vorpommern ihren Sitz oder ihre Produktionsstätte (falls es eine solche überhaupt gibt).

Nein, die, die hier co-located arbeiten, eint nicht, dass sie zusammenarbeiten, sondern dass sie zusammen leben wollen. Sie finden es schön in dem Ort, in der Gegend.

Und da wir nicht mehr im 19. oder 20. Jahrhundert leben, müssen die Menschen nicht mehr zur Arbeit kommen, sondern die Arbeit folgt den Menschen.

Was sie zur Arbeit brauchen, das passt im Wesentlichen in einen Computer oder ist über das Internet erreichbar. Solche Arbeit will ich nicht gleich knowledge-work nennen; für den Moment reicht Büroarbeit, ganz wertfrei.

Büroarbeit ist für mich im Vergleich zur Arbeit von Kassierern, Verkäufern, Lagerarbeitern, Monteuren, Straßenreinigern primär sehr ortsunabhängig. Warum sollte das nicht zum Vorteil von Menschen und Gesellschaft und Umwelt genutzt werden?

Die Firmen, für die die Menschen arbeiten, haben erkannt, dass sie mehr gewinnen als verlieren, wenn sie ihren Mitarbeitern gestatten, dort zu arbeiten, wo sie leben. Einzige Voraussetzung: Sie müssen “angebunden sein”, d.h. ihr Arbeitsort muss schnell und sicher über das Internet erreichbar sein, so dass alle digitalen Medien für die Kollaboration mit den Kollegen verlässlich genutzt werden können.

Kollegen sind andere Mitarbeiter derselben Firma, mit denen man an Gemeinsamem zusammenarbeitet. Wo diese Kollegen arbeiten, ist ihnen natürlich auch freigestellt.

Jeder Mitarbeiter kann also zuhause arbeiten, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind. Home office ist für die Firmen der Default, wo es sich irgend einrichten lässt. Aber nicht jeder mag oder kann zuhause arbeiten. Da fehlt vielleicht eine Rückzugsmöglichkeit oder es ist doch zu still.

Deshalb arbeiten “befreite” Mitarbeiter in diesem Gebäude in dem Ort. Hier können sie zusammen arbeiten, ohne zusammenzuarbeiten. Sie finden so viel Anschluss, wie sie mögen. Der eine braucht nur etwas Hintergrundrauschen, der nächste plaudert auch gern mal zwischendurch. Es gibt auch Beziehungspartner, die dort beide einen Platz haben; vielleicht an Nachbartischen, vielleicht in verschiedenen Räumen.

Was ich beschreibe, ist natürlich leicht erkennbar als ein Co-working Space. In Städten gibt es davon eine zunehmende Zahl. Allerdings richten die sich an Freiberufler.

In meiner Vision ist Co-working jedoch viel weiter angelegt. Weder ist es auf Städte begschränkt, noch auf Freiberufler. Es ist auch nicht etwas Besonderes, sondern die Norm – da wo es möglich ist.

Die Motivation dahinter: Nachhaltigkeit in vielerlei Hinsicht.

Und ich glaube, dass wir die Landflucht, d.h. die Entvölkerung von ganzen Regionen nicht ohne solche Art des Co-working aufhalten können. Deshalb nenne ich es auch ganz bewusst Countryside Co-working. Es geht zuerst ums Leben, es geht ums Leben auf dem Land und dann erst um die Arbeit.

Nachhaltigkeit

Warum sollten wir daran denken, wieder mehr auf dem Land zu arbeiten? Oder allgemeiner: die Plätze der Arbeit zu entzerren.

Ich denke, dafür gibt es eine ganze Menge guter Gründe, die ich hier nur in Stichworten listen will:

  • Leben auf dem Lande, d.h. naturnäher, ist gesünder für Körper und Seele.
  • Leben auf dem Lande ist näher an regionalen Nahrungsmitteln, was weiter zur Gesundheit beiträgt.
  • Leben auf dem Lande ohne zu pendeln reduziert die Unfallzahl und ist also auch deshalb gesünder.
  • Dazu kommt, dass Pendeln selbst belastend ist; diese Belastung entfällt oder wird stark reduziert.
  • Wenn mehr Menschen auf dem Land leben, ist unsere Gesellschaft dezentraler aufgestellt. Dezentralität, d.h. das Gegenteil eines Monolithen, scheint mir für viele Probleme der Zukunft, die angemessene Lebens- und Organisationsform.
  • Bei größerer Verteilung von Menschen steigt aus meiner Sicht auch die Durchmischung. Oder anders gesagt: Integration wird einfacher, wo die Gefahr von Ghettobildung verringert wird.
  • Wenn weniger Menschen täglich weit pendeln, ist das ökologisch von Vorteil.
  • Wenn Menschen stärker verteilt arbeiten, brauchen sie um sich herum unterstützende Dienstleistungen, z.B. Bäcker, Ärzte, Friseure, Therapeuten usw. Das schafft Arbeitsplätze.

Städte sind Effizienzmaschinen. Was auch sonst? In Zukunft brauchen wir jedoc weniger Effizienz und mehr Flexibilität bzw. Kompensationsfähigkeit oder gar Antifragilität. Je größer Städte werden, desto eher laufen sie diesen Zielen allerdings zuwider, würde ich sagen. Städte gebären Bürokratie und eigene Begehrlichkeiten. Sie werden mit wachsender Größe zu Systemrelevanzen wie Banken oder Autobauer. Dass das nichts Gutes sein kann, sollte auf der Hand liegen.

Ökologischer arbeiten, gesünder arbeiten, zufriedener arbeiten, zahlreicher arbeiten: wenn das keine Aspekte von Nachhaltigkeit sind, weiß ich auch nicht mehr.

Aber natürlich gilt auch hier: nichts muss. Mir geht es darum, dass man mehr kann. Die Zahl der Wahlmöglichkeiten für jeden Büroarbeiter soll steigen. Wer dringend in einer Stadt leben möchte, soll das tun. Aber wer will das heute? Wer fühlt sich andererseits nur genötigt? Wissen wir das eigentlich?

Meine Vermutung: Viele ziehen in die Stadt, weil sie keine Alternative sehen. Viele Arbeiten in der Stadt und pendeln stundenlang, weil sie keine Alternative sehen.

Das halte ich aber für anachronistisch, unnötig oder gar auf Dauer gefährlich.

Ohne ein Umdenken bei der Büroarbeiten, so glaube ich, kann dieser Trend nicht angehalten oder gar umgekehrt werden. Büroarbeit ist heute das, was Fabrikarbeit vor 100 Jahren war: normativ. Büroarbeit setzt Maßsstäbe. An ihr richten wir unsere Gesellschaft aus. Das kann angesichts zunehmender Automatisation auch nur zunehmen.

Ändern wir unseren Umgang mit der Büroarbeit, dann haben wir umgekehrt eine Chance, unsere Gesellschaft zu verändern. Wenn die insgesamt nachhaltiger aufgestellt sein soll, dann fangen wir besser an, ihre Triebfeder umzudefinieren.

Der Preis ist heiß

Was die einzelnen Mitarbeiter sich wünschen, scheint weithin recht egal für Unternehmen zu sein. Sie fühlen sich vielfach noch als Paschas, die über die abhängig Beschäftigten herrschen können. Ob das je zu ihrem Vorteil war, lasse ich einmal dahingestellt. Allemal in Zukunft werden sie solches Gebahren kaum durchhalten können. Das liegt an der steigenden Komplexität von Welt und Märkten, der nur mit mehr unternehmensinterner Komplexität begegnet werden kann. Das liegt aber auch an abnehmender Erwerbstätigenzahl. Aus einem Arbeitsmarkt, d.h. eigentlich einem Unternehmensmarkt, wird ein Arbeitermarkt. Bisher haben sich Arbeiter bei Unternehmen anbieten müssen. Das wird sich in Zukunft umkehren. Unternehmen werden sich bei Arbeitern anbieten müssen, sie werden um Arbeiter ringen.

Deshalb ein Blick auf die Vorteile, die Countryside Co-working für Unternehmen hätte. In Stichworten:

  • Zufriedenere Mitarbeiter, weil die unterstützt werden in ihrer Freiheit zu leben, wie sie mögen. Das erhöht die Bindung.
  • Produktiviere Mitarbeiter, weil die weniger gestresst durch Pendelei sind. Wer eine Stunde Heimweg spart, ist auch eher willens, mal noch 30 Minuten länger zu arbeiten, um eine Sache fertig zu bekommen, wenn es dringend ist.
  • Geringere Raumkosten, weil für weniger Mitarbeiter Platz vorgehalten oder der Platz nicht in teurer Stadtlage angemiete/gebaut werden muss.
  • Attraktivität am Arbeitermarkt, denn wer mit Freiheit werben kann, hat einen Vorteil.
  • Erhöhte Komplexität zur besseren Reaktion auf sich verändernde Märkte. Natürlich klingt das wie ein Nachteil, denn Unternehmen tun ja alles, um Komplexität zu verringern. Das ist der Zweck jeder Bürokratie. Doch es sollte sich inzwischen gezeigt haben, dass wir eben etwas anderes brauchen, um langfristig erfolgreich zu sein.
  • Zugang zu einem viel größeren Pool an potenziellen Mitarbeitern, weil man nicht mehr darauf angewiesen ist, dass die in der Nähe angesiedelt sein müssen.

Wohlgemerkt, ich spreche hier von Vorteile für Unternehmen. Das sind eigenständige “soziale Organismen” für mich. Einzelne Mitarbeiter dieser Unternehmen – sprich: Manager – mögen das anders sehen. Denn sie spüren, dass sich sie verändern müssten, dass ihnen womöglich etwas entgleitet.

Was könnte das denn sein? Worin könnten die Nachteile solch landesweit verteilter Büroarbeit für Unternehmen bestehen?

  • Der einzelne Manager fühlt natürlich Kontrollverlust. Wer nicht mehr durch die Gänge gehen kann, um die Schäfchen zu zählen, um damit festzustellen, dass alle tun wie sie sollen, der muss sich unsicher fühlen. Aber das ist natürlich einer überkommenen Vorstellung von Management geschuldet. Die glaubt daran, dass gut getan wird, sobald Untergebene zusammenhocken. Also kontrolliert man am besten Ort und Zeit der Arbeit – der Rest wird sich dann schon ergeben.
  • Wer verteilt arbeitet, müsste anders arbeiten. Die Kommunikation mit Kollegen oder Vorgesetzten oder  Abnehmern wäre weniger “körperlich” und weniger ungeplant möglich. Könnten sich Büroarbeiter umgewöhnen? Was würde das kosten?
  • Und würde nicht die Arbeitsqualität leiden? Man sitzt doch nicht umsonst in Großraumbüros. Dadurch wird doch die Arbeit besser getan, oder? Auch Softwareentwickler brauchen die kuschelige Nähe in einem Teamroom. Das schreibt allemal die Agilität vor, wenn es nicht schon die Erfahrung jedes Einzelnen sein sollte. Nur so wird mit highest speed possible entwickelt, oder? Das halte ich in der immer wieder vorgetragenen dogmatischen Absolutheit für eine Mär. Und selbst wenn etwas dran ist, dann ist der Effizienzgewinn durch Zusammenpferchen immer abzuwägen (!) gegen andere wichtige Dinge, z.B. Motivation oder Flexibilität oder Zugang zum Entwicklermarkt.

Selbstverständlich ist mehr Nachhaltigkeit nicht kostenlos zu haben. Ebensowenig ist das kostenlos zu gewinnen, was für Unternehmen im Countryside Co-working an Vorteilen steckt. Aber ich glaube, den Preis ist es wert.

Und ich behaupte ja auch nicht, dass sofort und überall alles anders werden muss. Das kann es nicht, das soll es nicht. Es geht mir um eine Lockerung, um mehr Optionen, mehr Gleichgewicht.

Im Countryside Co-working Space in Mecklenburg-Vorpommern können auch Mitarbeiter nur 3 Tage die Woche arbeiten. Warum nicht? Zweimal pro Woche fahren sie zu Präsenztagen in die Stadt. Oder sie sind meist 4 Tage auf dem Land zum Arbeiten, tun das Di, Mi, Fr und Sa, fahren am Donnerstag zu einem Meeting in die Zentrale und machen So+Mo frei.

Auch für die Mitarbeiter darf höhere Lebensqualität – Naturnähe, Flexibilität – einen Preis haben. Vielleicht steigt die Arbeitszeit von 40 auf 42 Stunden ohne Lohnausgleich? Aber das wäre doch kein Beinbruch angesichts der zahllosen gesparten unsinnigen und unökologischen Pendelstunden.

Ausblick

Ich wünsche mir eine solche Büroarbeitswelt für andere. Als Freiberufler lebe ich ja im Grunde schon so. Mein Büro ist bei mir zuhause oder bei meiner Freundin oder in einem Café oder einem Co-working Space in Hamburg. Von dort aus arbeite ich mit meinen Kunden zusammen – oder ich fahre zu ihnen, um zeitweise co-located mit ihnen zu tun, was nur co-located geht. Deshalb weiß ich, was ich an dieser Freiheit und Flexibilität habe.

Doch bei meinen Kunden und denen meiner Freundin ist deutlich sichtbar, wieviele Menschen unnötig und kontraproduktiv und teuer noch in unfreier zentralisierter Büroarbeit gefangen sind. Das finde ich bitter angesichts der technischen Möglichkeiten des Jahres 2015. Denn wir können anders arbeiten, wenn wir wollen. Mit manchen meiner Kunden tue ich das auch schon und will das natürlich ausbauen, um auch selbst noch freier zu werden.

Gesellschaftlich gesehen verstehe ich auch nicht, dass nicht zumindest ländliche Gemeinden in Nord (!) und Süd und Ost (!) und West sich hier positionieren. Statt händeringend sich beim Schrumpfen zuzusehen, könnten sie aktiv werden und versuchen, ihre Zukunft zu gestalten. Wo ist die Investition nicht nur in Glasfaser, sondern eben z.B. in einen Countryside Co-working Space? Die Gemeinden müssten die sein, die den Unternehmen in den Ohren liegen, anders mit ihren Büroarbeitern umzugehen.

Aber sie denken nur in direkter Gewerbesteuereinnahme. Unternehmenssitze wollen sie anziehen mit der Glasfaser. Das finde ich zu einfach. Lieber um eine Ecke denken: Nicht Unternehmen sollen ihren Sitz verlegen; das können nur wenige. Viele, viele mehr Unternehmen sollen lieber Mitarbeitern die Möglichkeit geben, in den Gemeinden dezentral zu arbeiten. Dann bleiben mehr Menschen in den Gemeinden, dann ziehen wieder Menschen in die Gemeinden, was weitere Menschen nach sich zieht. So ist Wachstum viel leichter möglich. Das skaliert viel besser als das Buhlen um Unternehmenssitze.

Umgekehrt könnten die Unternehmen vorreiten und bei den Gemeinden vorsprechen. Sie könnten um Unterstützung bitten, weil sie die positiven Effekte der Dezentralisierung einfahren wollen.

Ja, so stelle ich mir die Welt vor. Wo Arbeit dem Menschen dient, wo sie ihn nicht mehr ankettet, wo mehr Natur, mehr Gesundheit, mehr Konzentration und vieles andere mehr ist. Ein Mittel dazu: Countryside Co-working Places.

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